Katastrophe mit Vorwarnung…

Die Loveparade – Katastrophe am 24 Juli 2010 hätte vermieden werden können. Die leitenden Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent haben grosse Teile Ihrer fachlichen Kompetenz ignoriert, selbstverständliche Standards missachtet und ein hochgefährliches Veranstaltungsgelände gestaltet. Die Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung haben die in ihre Stadt reisenden Besucher nicht geschützt und gesichert, sondern die Loveparade 2010 unter Missachtung zahlreicher Vorschriften genehmigt. Sie waren über die drohenden Gefahren detailliert informiert und vorgewarnt.  In einem ganztägigen Workshop am 22. März 2010. Über diese Veranstaltung, mit dem langjährigen Chef der Dortmunder Berufsfeuerwehr Klaus Schäfer, die im Zwischen- und Schlussbericht der Stadt Duisburg glatt unterschlagen wird, liegen jetzt neue Erkenntnisse vor. Grund genug für eine ausführliche Analyse auf DocuNews.

Seminar beim Experten…

Fast auf den Tag genau vier Monate  vor der Duisburger Loveparade, am 22. März 2010 findet Fortbildungszentrum der Stadt Duisburg ein ganztägiges Seminar statt. Das Thema ist allgemein gehalten: „Grossveranstaltungen im Freien“.
Der Referent gilt als Koryphäe. Klaus Schäfer hat zwölf Jahre lang die Dortmunder Feuerwehr geleitet. Danach ist er Chef des Instituts für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) geworden,ebenfalls in Dortmunf. Schäfers Institut ist einer der Projektpartner im Forschungsprojekt EVA (Risiko Gro€veranstaltungen – Planung, Bewertung, Evakuierung und Rettungskonzepte) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (bmbf). Im gleichen  Projekt engagiert sich Dirk Oberhagemann, der später die Loveparade Duisburg filmen und einige Beiträge zur Erklärung der Katastrophe liefern wird. Oberhagemann forscht in EVA im Auftrag der Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes (vfdb).

Klaus Schäfer war ausserdem Mitglied im Krisenstab für die Dortmunder Loveparade, hat an den Sicherheitskonzepten zum Papstbesuch 2005 mitgearbeitet und war Gutachter im Prozess zur Aufklärung des Todes der sechzehnjährigen Niederländerin Rieke Lax beim Jubiläumskonzert der „Toten Hosen“ am 28. Juni 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion.

Ein kompetenter Teilnehmerkreis

Teilnehmer des Seminars am 22 März sind MitarbeiterInnen aus verschiedenen Ämtern der Duisburger Stadtverwaltung. Bau-, Tief-, Straßenverkehrs-, Kataster- und Ordnungsamt sind vertreten, ausserdem die Feuerwehr.

Unter den Teilnehmern befinden sich vier städtische Mitarbeiter die die Duisburger Staatsanwaltschaft heute als „Beschuldigte“ ihres Ermittlungsverfahrens führt. Ralf J. ist Sachgebietsleiter im Duisburger „Amt für Baurecht und Bauberatung (Amt 62)“. Er wird später die Genehmigung für die Loveparade unterzeichnen.  Ebenfalls anwesend am 22. März 2010: zwei Sachbearbeiter, aus J.s Sachgebiet: Ulrich B. und Peter G.. Sie werden mit J. die Genehmigung vorbereiten und entscheiden. Neben diesen drei Mitarbeitern des Bauamtes nimmt für das Duisburger Ordnungsamt die damalige Projekt- und stellvertretende Amtsleiterin Ursula F. teil. Auch sie wird  heute durch die Staatsanwaltschaft Duisburg beschuldigt.

Einer der Veranstaltungsteilnehmer, ein duisburger Feuerwehrmann erinnert sich später, das Ursula F. im Anschluss an Schäfers Ausführungen richtig „Fracksausen“ bekommen habe. F. sei aufgebracht gewesen. Fast habe man den Eindruckgewinnen können, gerade das „Ende, der Loveparade 2010 in Duisburg“ erlebt zu haben.
Wir kennen das wirkliche Ende, aber der Reihe nach.

Erschreckende Vorgeschichte…

Experte Schäfer hat drastische Beispiele von den Loveparades in Essen (2007) und Dortmund (2008) mitgebracht. Er präsentiert sie als Einstieg des Seminars.
Auf der Loveparade 2007 in Essen hatte der Zugweg unter einer Eisenbahnbrücke durch geführt. Das bedeutete ein kurzfristige Verengung. Diese führte, als sich ein besonders publikumswirksamer Float der Eisenbahnüberführung näherte, zu einer Pfropfenbildung. Der Ordnungsdienst des Veranstalters und die Polizei schritten ein. So konnte die Gefahr entschärft werden. Ausserdem wies man die Floatfahrer an, Geschwindigkeiten zu verändern. Einige Floats wurden ganz angehalten, andere beschleunigt. Die Situation entspannte sich.

Zu einem weiteren Zwischenfall kam es am Essener Hauptbahnhof. Der Zugweg der LP in Essen 2007 führte zu dicht am Hauptbahnhof vorbei. Es kommt zu einem gefährlichen Rückstau. Durch eine zusätzliche Rangelei,  bestand kurzfristig die Gefahr einer Massenpanik  bestanden.

Auch bei der Loveparade 2008 in Dortmund erweist sich der Dortmunder Hauptbahnhof als Nadelöhr. Schäfer hat eine Reportage des WDR mitgebracht, die er den Zuschauern zeigt. Man sieht eine gefährliche Situation zwischen 17.00 und 18.00 Uhr. bei der es zu Personenverdichtungen von  fünf bis sechs Personen pro Quadratmeter kommt. Eingespielt wird auch das Interview mit einem jungen Mann, der in diesem Gedränge verletzt wird:

„Die Polizisten konnten mir nicht mehr helfen, weil die Leute von hinten wie verrückt anfingen, zu drücken. Das ist nicht mehr normal, da unten: richtig Ausnahmezustand!“

Schon vorher war es in Dortmund nach einem Unwetter gefährlich geworden. Nach einem schlagartig einsetzenden Gewitterregen flüchteten mehrere tausend Loveparadebesucher in die tunnelartige Unterführung der B1 unter der Märkischen Straße sowie die gleichnamige U-Bahnstation.  Durch diesen Ansturm kam es sowohl in der U-Bahn als auch im Straßentunnel zu einem gefährlichen Gedränge. Der  Polizei gelang es zum Glück, den Personenstrom auf der B1 anzuhalten und seitlich auf vorhandene Freiflächen abzuleiten. Nur mit diesen Sofortmassnahmen liess sich die kritische Situation entschärfen. Im Dortmunder Krisenstab, so Schäfer habe man sogar im Schlimmsten Fall mit Verletzten, ja sogar Toten gerechnet.  Das sei lebensgefährlich gewesen, erinnert sich Schäfer. Er habe den Seminarteilnehmern in Duisburg seine Erfahrungen so drastisch geschildert, damit die kapierten, dass in verdichteten Menschenmengen  schon eine geringfüge Veränderung der Bedingungen, zu Entgleisungen führen kann.

Fluktuation nach der Mittagspause…

Viele der FortbildungsteilnehmerInnen sind geschockt. So gefährlich war ihnen eine Loveparade bisher nicht erschienen. Einige kehren nach der Mittagspause nicht in den Seminarraum zurück. Dabei soll es jetzt um die Loveparade in Duisburg gehen. Die verbliebene Mitarbeiter stellen zahlreiche Fragen. Schäfer antwortet geduldig. Als besonders bedeutsam beschreibt er „ein einheitliches Sicherheitskonzept“. Dieses müsse neben dem eigentlichen Veranstaltungsgelände auch die Zu- und Abwege und die Bahnanlagen umfassen.

„Ich hatte den Eindruck, dass zuvor sehr viel auf Einzelzuständigkeiten abgehoben worden ist und den Zuhörern die Notwendigkeit des ganzheitlichen Konzeptes so nicht bewusst war“,

erinnert sich Schäfer zurückblickend.

Informell wird es  spannend…

Die Nachmittagssitzung dauert ca. zweieinhalb Stunden.  Nach Ende des offiziellen Teils bleiben sieben bis acht Personen im Seminarraum, darunter die Projektleiterin für die Loveparade, Ursula F, die stellvertretende Leiterin des Duisburger Ordnungsamtes. Jetzt wird es spannend. Man redet offen über den Stand der Duisburger Planungen vier Monate vor der Loveparade am 24. Juni 2010. Aus dem Bauamt hat man einen Katasterplan in guter Auflösung mitgebracht. Es gibt auch ein Bild von Google Earth im DIN A3 Format.  Im Plan sind bereits grob Flächen für Bühnen und Besucher eingetragen. Ein Mitarbeiter der Bauaufsicht erläutert das Konzept.  Gemeinsam berechnet man überschlägig die Veranstaltungsfläche.  „Die reicht für wenig mehr als 100.000 Besucher„, sind sich Schäfer und die MitarbeiterInnen der Duisburger Bauaufsicht schnell einig. „Mit so wenigen Teilnehmern kann die Veranstaltung nicht stattfinden„, kontern andere, darunter Ursula F. vom Ordnungsamt.

Schliesslich erörtert man das  Zu- und Abwegekonzept.  Klaus Schäfer ist schockiert: Zugang durch die beiden Tunnel über die zentrale Rampe geradewegs in die Floatstrecke. Schäfer und ein Kollege den er vom Dortmunder Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie mitgebracht hat, vermessen mit Hilfe der Pläne die Breite der beiden Tunnel und der Rampe. Man sei auf 30 Meter Breite für die schmalste Stelle gekommen, erinnert sich Schäfer.
Das ist zu sicher zu hoch gegriffen, aber das wissen Schäfer und die anderen TeilnehmerInnen damals noch nicht.
Den Profis, und nur die sind jetzt noch im Duisburger Seminarraum verblieben, fällt es jetztnicht mehr schwer, Personenströme und Durchlasskapazität für Tunnel und Rampe zu errechnen. Man kommt auf 40.000 bis 60.000 Personen pro Stunde.
Allerdings:
diese Zahlen gelten nur ohne Gegenverkehr und ohne Verengung durch Floats. Selbst so, als Einbahnstrasse braucht man vier bis fünf Stunden allein für den Einlass.

Fazit: Irsinn…

Das funktioniert hinten und vorne nicht. Man sucht nach Alternativen. In jedem Fall braucht man getrennte Ein und Ausgänge.
„Die A 59 als Ausgang?“
Zu teuer!
Ausgang durch den (späteren) VIP Eingang im Norden?“ Zu nah am Bahnhof!
Bei seiner polizeilichen Vernehmung wird sich Schäfer später an die jetzt eintretende Stimmung erinnern:

„Wir befanden uns an einem brisanten Punkt, für den es so erst mal keine Lösung gab. (…) Dies war auch allen Beteiligten klar, zumal mögliche Lösungsansätze sehr kostspielig gewesen wären und das Grundproblem der zu geringen Veranstaltungsfläche auch hierdurch nicht lösbar war.“

Klaus Schäfer weiss: schon die Tunnel alleine sind gefährlich. Zu schmal, als gleichzeitiger Ein und Ausgang nicht zu gebrauchen, da es dabei Gegenströme gibt. Ausserdem findet  zwischen Tunneln und Rampe eine 90 Grad-Verschwenkung der Besucher statt. Das verlangsamt den Personenfluss. Für diesen Schwenk braucht man auch zusätzliche Bewegungsfläche. Die gibt es aber am Übergang der Tunnel zur Rampe nicht. Im Gegenteil aus zwei breiten Tunnelströmen entsteht ein schmalerer Rampenzugang.

Schäfer knüpft an das Vormittagsbeispiel des Unwetters auf der  Loveparade Dortmund an:

„Viele wollen dann das Veranstaltungsgelände gleichzeitig verlassen, während andere Personen noch auf das Gelände wollen. Hierbei wäre nicht auszuschliessen, dass sich zehntausende Personen gegenläufig im Ein- und Ausgang treffen und gegenseitig blockieren.“

Schäfer ahnt, welche gefahr hier droht und spricht sie aus:
„das kann Verletzte und sogar Tote geben“.
An Schäfers Fazit dieses Tages, am 22. März erinnern sich viele Teilnehmer dieser kleinen Runde noch heute:
Irsinn! Wer das so geplant hat, hat sie nicht mehr alle…

Quot (non) erat remonstrandum…

Dann fällt das Wort vom „politischen Druck“ unter dem die städtischen MitarbeiterInnen ständen. Es gäbe „kritische Stimmen“, aber die fänden kein Gehör. Einige Vorgesetzte verhielten  sich ignorant.  Schäfer sieht keinen Spielraum: so kann man die Loveparade Duisburg nicht genehmigen. Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes sind an Recht und Gesetz  gebunden. Sie dürfen nicht rechtswidrig handeln. Haben das Recht aber auch die Pflicht zu widersprechen. Wie (fast) alles in Deutschland ist auch dies geregelt und verordnet, z.B. im §63  des Bundesbeamtengesetzes:

„§ 63 Verantwortung für die Rechtmäßigkeit

(1) Beamtinnen und Beamte tragen für die Rechtmäßigkeit ihrer dienstlichen Handlungen die volle persönliche Verantwortung.
(2) Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit dienstlicher Anordnungen haben Beamtinnen und Beamte unverzüglich bei der oder dem unmittelbaren Vorgesetzten geltend zu machen. Wird die Anordnung aufrechterhalten, haben sie sich, wenn ihre Bedenken gegen deren Rechtmäßigkeit fortbestehen, an die nächsthöhere Vorgesetzte oder den nächsthöheren Vorgesetzten zu wenden. Wird die Anordnung bestätigt, müssen die Beamtinnen und Beamten sie ausführen und sind von der eigenen Verantwortung befreit. Dies gilt nicht, wenn das aufgetragene Verhalten die Würde des Menschen verletzt oder strafbar oder ordnungswidrig ist und die Strafbarkeit oder Ordnungswidrigkeit für die Beamtinnen und Beamten erkennbar ist. Die Bestätigung hat auf Verlangen schriftlich zu erfolgen.“

Dazu berät Schäfer. Darauf hofft Schäfer.
Vergeblich!

Eins bleibt nachzutragen: die hier rekonstruierte Fortbildung am 22. März kommt im Bericht über das Verwaltungshandeln der Stadt Duisburg durch die Kanzlei „Heuking Kühn Lüer Wojtek“ nicht vor. Sollten Frau Dr Ute Jasper und  Andreas Berstermann sie für irrelevant halten. Wohl kaum! Wie im Fall des „entsorgten Krisenstabes“ muss man davon ausgehen, dass die Kanzlei willfährig die Interessen ihres Auftraggebers bedient.  Das ist zwar formal die Duisburger Stadtverwaltung. Die Schnittstelle zu „Heuking Kühn Lüer Wojtek“ dürfte jedoch Duisburgs Dezernent für Recht und OrdnungWolfgang Rabe“ einnehmen.
Den führt die Duisburger Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungen als „Beschuldigter 1„. Schade um die in diese Weisswäscherei und Desinformation investierten Duisburger Haushaltsmittel.

Aktualisierung 23. Juli 2011:
Ein weitreichendes Angebot per email…

Drei Tage nach dem Seminar schrieb Klaus Schäfer der Projektleiterin im Ordnungsamt und einem Mitarbeiter des Bauamtes eine Email.  Im Anhang liefert er den Entwurf einer „Richtlinie für Großveranstaltungen im Freien“, erarbeitet von der „Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb). Schäfer nennt als Summe für „zusätzliche Mittel für die rettungsdienstliche Absicherung und die allgemeine nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr nach FSHG“ einen Betrag von 400.000 Euro für den zu erwartenden Einsatz.

Schäfer lädt die Duisburger KollegInnen zu einem Gespräch in sein sein IFR ein. Dort könne man u.a auch mit Dirk Oberhagemann über die Planung der Veranstaltung sprechen, der das EVA Projekt für das BMBF koordiniert. Dies Unterstützung sei kostenlos, ggf könne man auch „im Rahmen von Projektarbeiten studentischer Hilfskräfte auch Zuarbeiten oder Untersuchungen“ leisten.
Schäfers Angebot wird nicht angenommen.

6 Kommentare zu Katastrophe mit Vorwarnung…

  1. Lothar Evers sagt:

    Nicht dabei. Wohl auch nicht eingeladen.
    Es handelte sich um eine von der Stadt veranstaltete Fortbildung an der ausser den Referenten ausschliesslich städtische MitarbeiterInnen teilnahmen

  2. xyz sagt:

    Wo war bei dem Treffen eigentlich die Polizei?

  3. Lothar Evers sagt:

    Ja das ist schade und dumm. Man stösst ja sofort auf seine Suspendierung, wenn man seinen Namen in Google eingibt. Da seine fachliche Kompetenz -soweit ich es sehe- jedoch unbestritten ist, habe ich im Hauptteil nicht darauf hingewiesen. Hier in den Kommentaren sollte man es jedoch nicht unerwähnt lassen.

  4. Dirk Festerling sagt:

    Zu dumm, das Klaus Schäfer sich selbst in letzter Zeit abseits seines Fachgebiets diskreditiert hat.

  5. Lothar Evers sagt:

    Ganz herzlichen Dank Dietmar,
    für hinweis und Feedback!
    Jetzt (hoffentlich) korrigiert…

  6. dietmar keitsch sagt:

    hallo. für den geneigten schnell-leser solltet ihr im obigen vorspann das datum des ganztätigen workshops der korrektheit halber von 22.03.2011 auf 22.03.2010 ändern. man ist zunächst ein wenig irritiert. sicherlich handelt sich um einen schreibfehler. ansonsten sachlich und informativ zu lesen. danke.

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