Loveparade Floats: Stundenlanger Stillstand…

Die Veranstalter der Loveparade in Duisburg haben kurze vor den dramatischen Ereignissen am 24. Juli ein zentrales Element ihres Sicherheitskonzeptes aufgegeben. Am Veranstaltungstag, Samstag, den 24.7. 2020 wurde die Fahrt der Parade LKWs (Floats) der Loveparade sowohl von 14:27 bis 15:05 Uhr als auch von 15:55 bis nach 17:00 Uhr gestoppt.

In einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk am Veranstaltungstag um 16:47 hatte Loveparade Besitzer Rainer Schaller ausdrücklich auf die Bedeutung fahrender Floats für die Publikumsverteilung auf dem Loveparade Gelände hingewiesen:

Hier Schallers Aussage noch einmal als Text:

„Ja, wir können das über die Floats machen, indem wir die Floats dementsprechend rein ziehen, was wir auch die ganze Zeit schon machen.. Dass wir also die Leute schön auf dem Gelände verteilen. Das ist der Vorteil von der Loveparade: wenn Du immer mit den Trucks rum fährst, kannst Du die ganzen Leute schon von dem Besucherstrom ein bisschen steuern…“

Der McFit Float, den wir in der Aufzeichnung als Kulisse des Schaller Interviews sehen, stand zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 45 Minuten still. Mit ihm alle anderen Floats.

Den um den früheren Duisburger Güterbahnhof fahrenden Floats war im Sicherheitskonzept der Veranstalter vom 20. Mai 2010 eine zentrale Rolle zugewiesen worden. Sie sollten durch die sogenannte „Rattenfänger Methode“ eine gleichmässige Verteilung der Besucher auf dem Veranstaltungsgelände garantieren:

Von Seiten der Veranstalterin ist die Besucherlenkung eines der zentralen Elemente des Loveparade Sicherheitskonzeptes (…). Sobald sich (…) eine kritische Situation ergeben sollte, können Floats (…) angesprochen und (…) gesteuert werden. Aus den bisherigen Loveparade Erfahrungen orientieren sich die Besucher sehr stark an den Floats. Stoppt ein Float bleiben die Besucher auch stehen(…). Biegt ein Float ab, folgt die Masse auch wenn der der vorherige Wagen evtl. in eine andere Richtung gefahren ist. So lässt sich die Masse je nach Bedarf hervorragend dynamisch steuern.
(Rattenfänger Methode)

Zum ersten Mal wurden die Floats 27 Minuten nach deren Start angehalten. Da hatten sie gerade mal eine halbe Runde um den alten Duisburger Güterbahnhof zurückgelegt. In der WDR Aufzeichnung sieht man als ersten den Float Nr 3 (Tunnel) und den Float Nummer 8 (Virtualnights) im Stillstand:

Wir haben für unsere Analyse die WDR Aufzeichnung sorgfältig ausgewertet. Unsere Recherche wird auch von den  Floatbesatzungen bestätigt: die Floats fuhren in den genannten Zeiträumen keinen Meter. Zum Teil sind die Fahrer sogar ausgestiegen. Die erste Unterbrechung hat die Veranstaltungsleitung damit begründet, dass durch den Besucherandrang am Ende der Rampe für die Floats kein Durchkommen mehr sei. Für die zweite, längere Pause sind dann keine weiteren Gründe genannt worden. Sie wurde einfach angeordnet.
Während dieser zweiten Pause von über einer Stunde parkte der McFit Float des Loveparade Besitzers Rainer Schaller seit ca. 16:00 Uhr unmittelbar vor dem VIP / Presse Bereich der Loveparade. Dort diente er ab 16:47 als Kulisse für das Liveinterview, das Schaller im WDR gab. Ob die Verwendung des Trucks als Fernsehkulisse Grund für den Stop des ganzen Konvois war, können wir nicht beweisen. Bei der Suche nach den Gründen sind wir auf eine Mauer des Schweigens gestossen.
_____________________

Schon gelesen?

Analyse: Loveparade Überwachungskameras? Polizeivideos? Keineswegs!

Analyse: Wo war die Lautsprecheranlage auf der Loveparade?

15 Kommentare zu Loveparade Floats: Stundenlanger Stillstand…

  1. Lothar Evers sagt:

    Meinen wir den gleichen Plan? (Anlage 1 Jasper)
    Legen Sie den Detailplan daneben, und Sie bemerken den entscheidenden Unterschied: im Bauplan, und damit vielleicht auch in der Baugenehmigung, interessiert die Floatstrecke nicht. Jedenfalls ist sie nicht eingezeichnet.
    Da hat oben keiner die Rampe zumachen müssen. Die war zu durch schlichte Enge und Massen. Kramen Sie gerne die Videos raus, wo Sie diese Absperrung sehen und suchen Sie auch das Personal, dass diese Absperrungen auf und zu macht, bzw hält. Rege aber dann dass wir das dann per email oder am Telefon besprechen. Vom Thema „Stillstand“ führt es weg.
    Und, glauben Sie mir:
    solche Sensationen gibt es jetzt nicht mehr zu entdecken:
    „Schaller bekam die Eingänge nicht zu, weil seine Security oben die Rampe verschloss…“

  2. Mir liegt der offizielle Lopavent – Plan vor. Dort sieht man auch die Unterscheidung Bauzaun (Heras-Gitter) und Mannesmann-Gitter. Im oberen Bereich der Rampe sind in der West/Ost-Richtung keine Gitter vorgesehen. Es gibt also im Plan keine Gitter, die den Zugang von der rampe zum Veranstaltungsgelände abgrenzen. In den Videos sieht man jedoch Strukturen, die ich für ebensolche Gitter halte.

    Das ist auch – auf den Punkt gebracht – die Frage, die ich mir stelle: Ist bei der Durchführung der Parade vom vorgelegten Konzept hinsichtlich der Abzäunung des Geländes abgewichen worden?

  3. Lothar Evers sagt:

    Die Zäune sind recht präzise im Detailplan des Geländes zu sehen. Links hier:
    http://docunews.org/loveparade/dokumente-zur-loveparade-duisburg-2010/basisdokumente/
    Oben war kein Personal, um die Rampe dicht zu machen. Es wurde auch so eng genug. Um die Floats herum gingen acht Ordner und bildeten einen Abstand mit Ketten, damit nichts passierte. Das machte den Durchgang eng genug. (Zeichnung: Anlage 11 Jasper, Seite 7) Dieser Durchmarsch der Floats machte die Rampe noch dichter, keine eigenen Sicherheitskräfte.

  4. So, die Fundstelle zu den angeblichen Sperrungen beim Vorbeifahren der Floats habe ich nun wiedergefunden:

    http://loveparade2010doku.wordpress.com/2010/08/04/fullung-und-leerung-der-rampe-zeitablauf-aller-wichtigen-sperrungen-auf-der-loveparade/

    Der User schreibt dort:
    „Durch die oben vorbeifahrenden Floats und Absperrungen konnten nicht genug Menschen schnell genug das Festivalgelände betreten, daher stauten sich auf der Rampe die, aus 2 Rictungen durch den Tunnel kommenden, Menschen. Zusätzlich wurde die Situation dadurch verschärft, dass auch diejenigen, die das Gelände wieder verlassen wollten nur diese Rampe als Ausgang benutzen konnten. […] Rampe immer voller wird, da die Menschen am Ende der Rampe, durch Floats und Absperrungen, nicht schnell genug auf das Gelände kommen, obwohl das Festivalgelände im rückwärtigen Bereich komplett leer ist […]
    so wie ich das gesehen habe wurde immer abgesperrt wenn ein Float die Rampe passierte.“

    Es gibt auch noch ein Video vom oberen Bereich der Rampe, auf dem zumindest eine Reihe von Abzäunungen zu sehen ist und der Stau, der sich dahinter gebildet hat. Leider ist darauf nicht zu erkennen, ob der Zaun eine komplette Absperrung darstellt.

  5. Mit der Schuld ist das so eine Sache und man muss da nach meiner Auffassung differenzieren. Einmal rechtlich zwischen zivilrechtlicher Haftung und strafrechtlichem Verschulden, aber auch moralische Schuld und politische Verantwortung sollte man nicht gänzlich unbeachtet lassen.

    Was mich erschüttert, ist zunächst einmal die Tatsache, dass sich keiner der Organisatoren moralisch für verantwortlich hält. Dann – und das macht mich eher wütend, dass sich die politsch verantwortlichen Würdenträger eben vor der Übernahme dieser Verantwortung drücken.

    Die juristische Schuld wird später durch die Aktenlage entschieden. Da muss man dann vom Prinzip Hoffnung leben und darauf vertrauen, dass der Akteninhalt vollständig und ungeschönt ermittelt worden ist. Nach langjähriger juristischer Tätigkeit habe ich da meine Zweifel.

    Um wieder auf die eigentliche Problematik des Stillstands der Floats zurück zu kommen: Im Sicherheitskonzept hatten die Floats die Aufgabe, den Besucherzustrom zu verteilen. Bei einem Stillstands konnten sie diese Funktion nicht erfüllen. Nach meiner Erinnerung gab es eine Vereinbarung, in diesem Fall den Zugang von der rampe auf das gelände zu schließen. Ich bin mir da jedoch nicht mehr ganz sicher, woher diese Information stammt. Mir liegt es fern, da wilde Spekulationen zu verbreiten. Ich werde das deshalb jetzt noch einmal recherchieren und dann noch einmal dazu Stellung nehmen.

    Die Frage wäre jedoch sehr leicht zu beantworten, wenn entsprechendes Bild- oder Videomaterial zur Verfügung stünde.

  6. Lothar Evers sagt:

    Das ist mir neu. Dann hätte ja ab 4 zu sein müssen, denn da stehen sie definitv. Bis ich eine grössere Auswahl an Kamerapositionen und im Fokus stehende Personen gruppen sehe, halte ich die gesendeten Bilder für gezielt ausgewähltes Bildmaterial zu den Erzählungen des Herrn Walter. Immer wenn BILD und SPIEGEL das gleiche Material zur gleichen Zeit „recherchieren“, publizieren und senden, spricht nichts, schon gar nicht die Erfahrung, dagegen nicht von gezielt eingeführtem PR Material auszugehen.

    Die Aufnahmen zeigen einen über Stunden voll laufenden Rampenkopf und würden den Blick auf Ordner, Lautsprecher, Floatdurchsagen lenken. Darüber wollen aber weder Herr Schaller, noch Herr Walter, noch sonst ein Verantwortlicher sprechen, zumal Geschichte und Bilder zu „die Polizei ist schuld“ so prima funktionieren.

  7. Nun sind ja Plan und Wirklichkeit nicht immer identisch. Es war jedoch in Interviews zu hören, dass der Zugang zum Gelände immer dann abgesperrt wurde, wenn die Floats anhielten. Daher meine Frage. Wenn nämlich abgesperrt worden wäre, zudem noch über einen längeren Zeitraum, dann läge genau darin das Problem.

    Diese Frage müsste eigentlich durch Kamera 4 zu klären sein. Leider sind mir jedenfalls keine Aufnahmen aus dieser Kameraperspektive bekannt.

    Was zeigen diese Aufnahmen und warum werden sie nicht veröffentlicht?

  8. Lothar Evers sagt:

    Nicht zum Gelände hin abgesperrt aber rechts und links bis kurz vor die Floatstrecke eingefasst. Man sieht das auf den Plänen aber auch auf früheren Videos Fotos ganz gut, wo es da noch nicht so voll ist.

  9. Ich stelle dann auch einmal eine Frage:

    In dem Bugschen Interview mit Herrn Schaller wird die Rampe eingeblendet. Für mich sieht es da so aus, als sei die Rampe zum gelände hin mit Zäunen abgesperrt.

    Dies führt dann zu meiner Frage:

    „War die Rampe zum Zeitpunkt des Intervies im oberen Bereich abgesperrt, sodass niemand auf das Gelände gelangen konnte?“

  10. Lothar Evers sagt:

    Hallo Herr Wolmert,
    nichts gegen Ihre Ansicht. Aber: da wissen wir wirklich noch so gut wie nichts. Bisher hat uns niemand ein Bild gegeben, was Herr Walter, der ja Abschnittsleiter für Sicherheit von den Vereinzelungsanlagen bis zum Rampenkopf war, eigentlich gemacht und bei anderen angeregt hat.
    Jedenfalls hat er selbst nie behauptet, polizeiliche Hilfe an oder vor den beiden Vereinzelungsanlagen angefordert zu haben.

    Ich meine nach wie vor, man oder er hatte für den ihm unterstellten Bereich zu wenig Ordner engagiert. Jedenfalls wenn man von einer Dienstzeit von 7 Uhr morgens bis 2 Uhr Nachts und damit zwei Schichten ausgeht.

    Diese Menschenmassen waren in den Tunneln und auf der Rampe nicht mehr aufzuhalten. Das musste an den Vereinzelungsanlagen geschehen. Da sehe ich aber bisher maximal 25 Ordner pro Eingang.

    Die zentrale Frage wird sein: konnte Walter oder sein Boss, Wagner, Durchsagen machen, oder war das untersagt? Warum hat es in diesem mit Elektronik nur so voll gepackten Gelände nicht eine einzige Lautsprecherdurchsage der Veranstalter gegeben? Das wäre die Option gewesen am Rampenkopf Luft zu bekommen. Ohne diesen Raum am Rampenkopf und dicht machen an den Vereinzelungsanlagen oder wenigstens Öffnen der Notausgänge für die nach Hause wollenden Zuschauer lief alles ab 15:00 Uhr auf diese Katastrophe zu. Da gingen die Leute vor Enge am Rampenende über die Zäune. Da waren noch zwei Stunden Zeit zu Handeln.

    Solange mir Herr Walter oder Herr Schaller nicht mal ihr Sicherheitskonzept auf dem letzten Stand geben, halte ich mich mit Antworten extrem zurück und stelle Fragen. Wenngleich das nicht immer einfach ist…

  11. Gabriel Wolmert sagt:

    So sehr die stehenden Floats eventuell zu einem Gedränge geführt haben könnten, bleibt dennoch unwiderlegt das massives Polizeiversagen zu der Eskalation der Ereignisse beigetragen hat.

    An zwei unmittelbaren Aktionen vor der Massenpanik spielte die Polizei eine entscheidene Rolle:

    1. Der unkontrollierte Einlass in Ost- und Westtunnel. Dem Veranstalter wurde laut Planung hier Unterstützung zugesagt, während der Veranstaltung sah sich die Polizei jedoch nicht im Stande den Besucherstrom aufzuhalten. Ein wichtiges Mosaikstück im Verlauf des Unglücks!

    2. Die Polizeisprerre auf der Rampe, welche auch dann noch aufrechterhalten wurde als längst erste „Wellen“ durch die Menschenmenge gingen! Dies hat unmittelbar zum Unglück geführt!

    Bei allen Fehlern welche auf der Planungsebene gemacht wurden, die entscheidenden (und auch teilweise engstirnigen) Fehlentscheidungen wurden von der Polizeileitung begangen. Dazu passt ebenfalls sehr gut ins Bild das der Verbindungsbeamte im Crowdmanger-Conrtainer zunächst nicht Weisungsbefugt und kein Funkgerät bei sich trug.

    Ebenfalls forderte die Feuerwehr laut gestern veröffentlichter Unterlagen frühzeitig die Öffnung des 2. Zugangs durch die Polizei, es bleibt fraglich warum das nicht geschah!!

  12. Lothar Evers sagt:

    Neue Kenntnisse in dem Sinne nicht, eine kleine Ergänzung vielleicht:
    die hier genannten Zeiten Beziehen sich auf die genannten Floats im Bereich der Hauptbühne und des VIP und Pressebereiches. Im Bereich des Rampenkopfes könnte es noch 10 Minuten länger gedauert haben, bis alle Floats aus der Kehre am Ende des alten Güterbahnhofes wieder ausgefahren waren und ihre Parkposition erreicht hatten. Man sieht diese letzte Durchfahrt vor der langen Pause hier aus der Perspektive der Überwachungskameras:
    http://docunews.org/loveparade/go/SPIEGELtvKameras/

  13. Frank sagt:

    Gibt es schon neue Erkenntnisse zur These der stehenden Floats?

  14. Lothar Evers sagt:

    Hallo Herr Licht, ich verstehe Ihren Zorn. Und doch müssen wir verstehen, dass diese Loveparade ausgeschrieben wurde. Dass sich neben der Metropole(?) Ruhr München beworben hat, und man so zunehmend Kommunalpolitik als Marketing betrieb. Bis zu einem Oberbürgermeister, der für Fitness Unternehmer gefälschte Zahlen verkündet. Man muss jetzt das „wie“ der Katastrophe verstehen. Jenseits von Strafrecht und Bestrafungsfantasien. Davon sind wir noch weit entfernt, solange Stadt und Veranstalter im wesentlichen mauern.

  15. Felix Licht sagt:

    Gut gemacht! Das hätte ich zu all dem wahrlich nicht fuer möglich gehalten. Und alle sind se da und halten ihre Fresse in die Kamera: Jäger noch und Rabe noch.
    Eigentlich lehne ich Folter und Todesstrafe total ab, aber als ich heute ueber das Gelände ging und die vielen, vielen Steine sah, die in all den Mulden, Rissen und Gruben dieses Kriegsschauplatzes sah, dachte ich mir…
    Wie ein Arzt es so treffend am Zaun hinterließ: Ein Kriegsschauplatz ist ein Scheißdreck gegen das hier!
    Alleine das Gelände eine einzige Straftat!!!!!!!!
    Alle Verantwortlichen sollten eine Nacht im Tunnel + eine nacht auf dem Gelände verbringen –

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.