Polizei hatte eigene Überwachungskameras…

Fast ein Vierteljahr ist seit der Katastrophe auf der Duisburger Loveparade vergangen. Noch immer ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt. Das bedeutet, gegen kein Individuum reicht der Tatverdacht, um ihn/sie als Beschuldigten zu führen. Das ist schwer zu ertragen, insbesondere für die Geschädigten. Noch unerträglicher ist jedoch, dass der Ablauf der Ereignisse, die zum Tod von 21 Menschen und zahllosen Verletzten und Traumatisierten führten, nicht aufgeklärt ist. Das gilt insbesondere für den völligen Zusammenbruch der Einlasskontrollen an den beiden Vereinzelungsanlagen West und Ost. Die Loveparade Veranstalterin Lopavent hat hierzu -wie inzwischen hier auf DocuNews recherchiert wurde- die Bilder der Kameras 14 und 17 nicht in ihre angeblich vollständige Dokumentation eingestellt, um nicht zu sagen: unterschlagen.

Inzwischen konnten zwei weitere Überwachungskameras zur Kontrolle der beiden Einlassbereiche Ost und West der Loveparade identifiziert worden. Schon nachdem wir über die von Lopavent unterschlagenen Kameras berichtet hatten, erreichten uns erste Hinweise auf weitere Überwachungskameras im öffentlichen Strassenraum. Diese waren in den Plänen zur Loveparade nicht verzeichnet.  Auf loveparade2010doku.wordpress.com wurde ebenfalls auf diese bisher unidentifizierten zusätzlichen Überwachungskameras an den Eingängen zur Loveparade hingewiesen. Die den Eingangsbereich Ost überblickende Überwachungskamera hing an einem Laternenmast vor dem Altersheim Grabenstr. / Ecke Karl Lehr Strasse:

Loveparade Duisburg 2010 Eingangsbereich Ost Überwachungskamera der Polizei

Loveparade Duisburg 2010 Eingangsbereich Ost Überwachungskamera der Polizei

Unser Photo ist dem folgenden Video auf youtube (ab Minute 0:44) entnommen:

Auch die Kamera für den Eingangsbereich West hängt an einem Laternenpfahl: vor den Vereinzelungsanlagen West auf der Karl Lehr Strasse kurz hinter der Kreuzung Düsseldorferstr.:

Loveparade Duisburg 2010 Eingangsbereich West Überwachungskamera der Polizei

Loveparade Duisburg 2010 Eingangsbereich West Überwachungskamera der Polizei

In beiden Fällen scheint ein identisches Kameramodell mit einer Rundumsicht von 360 Grad zum Einsatz gekommen zu sein. Die Aufhängung erfolgte jeweils an einer Strassenlaterne im öffentlichen Strassenland vor den Vereinzelungsanlagen zum Veranstaltungsgelände der Loveparade.

DocuNews – Recherchen ergeben, dass beide Kameras zur Videoüberwachung der Polizei Duisburg gehörten. Die Bilder wurden aufgezeichnet und sind Teil des Beweismaterials bei der Staatsanwaltschaft Duisburg.

Damit dürfte die Situation im Eingangsbereich bestens dokumentiert sein. Die Lopavent Kameras filmten den Eingangsbereich von der Brüstung der Tunneleingänge West und Ost. Die Polizeikameras hielten die Gegenperspektive von den Vereinzelungsanlagen auf der Karl Lehr Strasse auf die Tunneleingänge fest.

Offensichtlich ist die Staatsanwaltschaft noch damit beschäftigt, dass so bestens dokumentierte Geschehen, zu sichten und zu bewerten. Für den Eingangsbereich hat diese Ermittlung mindestens die folgenden Verantwortlichkeiten zu betrachten.

Das Bauamt der Stadt Duisburg hatte den Eingangsbereich der Loveparade nicht als Teil des Veranstaltungsgeländes einer Prüfung nach der Sonderbauverordnung des Landes unterzogen. Wäre dies geschehen hätte man die Loveparade nie genehmigen dürfen, weil man für diesen Teil des Geländes, insbesondere die Tunnel und die Rampen keine Notausgänge nachweisen konnte.

Der für den Ablauf der Veranstaltung Verantwortliche, nach der Sonderbauverordnung ein Meister für Veranstaltungstechnik, hätte die Veranstaltung nicht beginnen lassen dürfen, da wesentliche Features z.B. des Brandschutzkonzeptes wie zum Beispiel die ELA-Anlage nicht vorhanden waren.

Die Security der Loveparade hätte dringend eine Telefonkonferenz einberufen und die Veranstaltung abbrechen müssen, als klar wurde, dass man die beiden Eingangsbereiche nicht geschlossen, und den Stau am Rampenkopf nicht aufgelöst bekam.

Schliesslich hätte die Einsatzleitung der Polizei mit Blick auf die beiden Einlassstellen möglicherweise eher bemerken können, dass die um 15:46 vereinbarte und angeordnete Sperrung der Einlassstellen nicht gelang bzw. nicht erfolgte. Die drohende Überfüllung des Tunnels vorhersehend, hätte zur Gefahrenabwehr, die Polizei eher versuchen müssen die Einlassstellen zu übernehmen und zu sperren.

Es bleibt zu hoffen, dass das jetzt recherchierte Videomaterial, und die bisher von Lopavent nicht veröffentlichten Kameraperspektiven bald einer breiten Öffentlichkeit, vor allem aber den Geschädigten zur Verfügung steht.

7 Kommentare zu Polizei hatte eigene Überwachungskameras…

  1. Lothar Evers sagt:

    Das tödliche Gedränge wird meiner Meinung nach durch einen zu engen Eingang für zu viele Menschen, durch den ausserdem noch LKWs (Floats) fahren, verursacht.. DokuFiktion, hat glaube ich ganz eigene Spielregeln. Wir versuchen uns hier an die knochentrockenen Fakten zu halten. Dafür haben wir dann auch nicht so viele Zuschauer wie 90 Minuten um 20:25 im ZDF.

  2. Björn Borg sagt:

    Zur ZDF-Doku-Fiction

    Dass Sauerland am Ende als quasi tragische Figur hingestellt wird, während die Toten und die Hinterbliebenen im Film gar nicht vorkommen, ist ziemlich schamlos.

    Eines aber ist besonders merkwürdig: Während sonst alles Mögliche und Unmögliche rund um die Loveparade vorgezeigt wurde, ist mit keiner einzigen Silbe die Polizeisperre auf der Rampe erwähnt worden, die das tödlich-enge Gedränge vor der Treppe erst herbeigeführt hat.

    Dafür darf der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Wendt, mehrfach im Film ausgiebig und an prominenter Stelle die Hände seiner Beamten in Unschuld waschen.

    Das nenne ich tendenziöse Berichterstattung im Format einer Doku-Soap: Pfui, ZDF!

  3. Lothar Evers sagt:

    Hallo Tanja,
    Wenn Du um 16:20 noch am Altersheim warst:
    bist Du noch durch die Sperre gegangen oder war die schon geräumt?
    Wie wurde die Sperre aufgemacht?
    Gingen die Securityleute einfach beiseite aber jeder musste noch durch die Vereinzelungsanlage durch?
    oder
    Wurden Zäune und/oder die Vereinzelungsanlage beiseite geräumt?
    Wenn ja? Durch wen?

    Man kam dann aber trotz Gedränge noch von der Vereinzelungsanlage bis zur Treppe?
    Kannst Du sagen:
    wie lange es zum Ende Osttunnel / Anfang Rampe dauerte?
    Wie lange von Ende Osttunnel bis Treppe?
    In welche Richtung hast Du Rampe/Treppe dann später verlassen können? Und: wann?

  4. Tanja sagt:

    Wir standen gegen ca. 16.20 Uhr an der Schleuse Ost am Altersheim und wurden dort schon extrem zusammengedrückt. Als dann noch ein Krankenwagen durch die Schleuse fuhr wurde die Enge noch schlimmer. An der Schleuse hatten auch schon viele Angst und bekamen Panik. Und als ich nach oben sah stand ein Polizist ganz oben im Fenster vom Altersheim und hat alles gefilmt. Ich habe mich nur gefragt warum er nicht reagiert, sondern seelenruhig alles filmt. Kurz darauf wurde die Schleuse geöffnet und alle wurden ohne Taschenkontrolle, die da wohl stattfinden sollte, durchgelassen. Aber das war nichts dagegen was wir dann an der Treppe erlebt haben…

  5. Lothar Evers sagt:

    Die Schleusen im Osten beginnen doch unmittelbar am Altersheim.
    Gibt es ein Photo des Baumes mit oder ohne Kameras?
    Wenn es Photos gibt: immer her damit…
    Auch die Kripo ist bestens informiert…

  6. Felix Licht sagt:

    Meine Recherchen ergaben das: Unmittelbar vor den Osatschleusen hingen mehrere Kameras an einem Baum, die in alle Richtungen zeigten. Folgende Situation herrschte dort: ab circa 16.40 ließen kollektiv alle Polizisten die dortigen Ordner alleine, die aufgrund des explosionsartigen Ansturms nur noch die Schleusen öffnen konnten. An den Westschleusen verhielt es sich genau umgekehrt: Hier scheinen die Polizisten die Ordner in der Zeit von 16.30-16.45 kollektiv in Pause geschickt zu haben. Diese Zeit wurde offenbar genutzt, um die Schleusen zu öffnen. Es gibt Fotomaterial und Zeugenaussagen, die dies alles belegen. Die Fotos Ost liegen der Kripo vor.
    Herr Evers, sind Sie sicher, dass die Staatsanwaltschaft die Aufnahmen vorliegen hat? Wäre es nicht besser, die Kripo hätte diese zusätzlich?

  7. mechthild sagt:

    Das ist ja echt ein Hammer!
    Und wirklich gut und umfassend recherchiert, die Herren Kommissare!
    Entweder man läuft euch jetzt die Türen ein oder ihr werdet totgeschwiegen – aber das ist bei einer so öffentlichen Quelle wohl schlecht möglich…
    herzlichen Glückwunsch zu dieser Arbeit! Gruß Mechthild

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