Wo waren die Lautsprecher ?

Wir haben gelernt auf die Rampe zu schauen. Mit den Augen der Überwachungskameras. Aus der zitternden Blicken der Handykameras. Alles in Bewegung! Kreischen, Schreien! Was fehlt trägt die Abkürzung “ELA“, und ist jedem der mit Veranstaltungen zu tun hat, bestens bekannt. Ohne eine funktionierende “ELA” würde kein Bundesligaspiel angepfiffen, käme bei einem Rockkonzert nicht einmal die Vorband auf die Bühne. Auch bei den Verantwortlichen der Loveparade, der Lopavent GmbH unter McFit Besitzer Rainer Schaller kennt man die Abkürzung. Wahrscheinlich seit Jahren, spätestens aber seit einem Schreiben der Duisburger Bauaufsicht vom 14. Juni diesen Jahres. “Nachforderung fehlender Unterlagen” lautet dessen Überschrift. Zum Antrag der Lopavent auf Nutzungsänderung des alten Duisburger Güterbahnhofes vom 31. Mai  fehlt zu diesem Zeitpunkt nämlich so gut wie alles. Es fehlt auch, die

Darstellung der Elektro-akustischen Alarmierungsanlage (ELA-Anlage)

Einem Monat später, am 14. Juli 2010 mahnt die Duisburger Bauaufsicht die ELA Mit einem fast identischen Schreiben noch einmal bei Lopavent an. Das Sicherheitskonzept von Lopavent regelt alles mögliche auf dem Loveparade Gelände. In den Plänen des  Bauantrages können wir den Ausleuchtungsbereich jedes einzelnen Scheinwerfers identifizieren. Von einer Ansprache der Besucher, einer Elektro-akustischen Alarmierungsanlage, kein Wort. Weder finden wir die ELA Zentrale noch einzelne Lautsprecher. Zu ELA-Anlagen gibt es DIN Normen (DIN_EN 60849 VDE 0828), Schaltpläne, der TÜV berät zur Einrichtung, jeder Veranstaltungstechniker kann sie bedienen. Nur in Duisburg im Inferno haben wir sie weder gehört noch gesehen.

Der Veranstalter der Loveparade konnte den alten Duisburger Güterbahnhof und beide Tunneleingänge der Loveparade mit siebzehn Kameras jederzeit und bis in den letzten Winkel einsehen. Ein Teil dieser Kameras wurde von Teams bedient. Ihnen konnte man Anweisung zu Schwenks und Zooms geben. Der Stau auf der Rampe und in den Tunneln entwickelte sich über mindestens zwei Stunden bevor es zur Katastrophe kam. Dieser Stau und die sich daraus ergebende Panik hätte sich mit grösster Wahrscheinlichkeit auflösen lassen, hätte man man die Besucher mit klar verständlichen Lautsprecheransagen auf freie Regionen des Veranstaltungsgeländes verteilt. Selbst in den kritischen späten Phasen einer extremen Menschenverdichtung wäre eine Warnung z.B. vor der Treppe wahrscheinlich lebensrettend gewesen.

Die Notwendigkeit einer Elektro-akustischen Alarmierungsanlage für die Loveparade in Duisburg ist unmissverständlich beschrieben worden. Wenn auch nur in einem, der Öffentlichkeit bisher bekannten, Dokument: dem Brandschutzkonzept von Öko Tec Fire & Risk vom 22. Juli 2010, erstellt von Dr. Rainer Jaspers. Dr. Jaspers gilt als ausgewiesener Experte im Brandschutz. Er wurde schon für den Papstbesuch in Köln und Kirchentage tätig. Zur Fertigung seines Konzeptes hatte er  zwar zwar nur 10 Tage Zeit. Auf 35 Seiten wird jedoch umfassend beschrieben, was auf dem Loveparade Gelände für den Fall der Fälle nach §26 SBauVO Teil 1 vorhanden sein muss:

Alarmierungseinrichtung
Auf dem gesamten Veranstaltungsgelände ist eine Lautsprecheranlage vorhanden, die an die mobile Ersatzstromversorgung angeschlossen ist. Hierüber können Anweisungen durch die Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Polizei an die Besucher und die Mitarbeiter sowie die Betreuer weitergegeben werden.

Brandmeldeanlage und Alarmzentrale
Eine Alarmzentrale, als Einsatzzentrale für Feuerwehr, Polizei und Ordnungsdienst stehen zur Verfügung,.

Maßnahmen zur Panikprävention
Folgende Maßnahmen werden im Rahmen der Brandschutzorganisation als Sicherheitskonzept nach § 43 BauVO , Teil 1, zur Panikprävention geregelt:
(…) Information der Besucher über das Brand- oder sonstige Ereignis und über die zu ergreifenden Massnahmen (Sprachdurchsagen und Anweisungen an die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes im Bedarfsfall, nach Abstimmung mit der Einsatzleitung.

Besondere Räume und Maßnahmen für die  Veranstaltungsbereiche.
Eine Lautsprechanlage mit Vorrangschaltung für die Einsatzleitung der Polizei und Feuerwehr wird als Alarm- und Einsatzzentrale eingerichtet.

Rechenverfahren
Auch nach der durchgeführten Diskussionen am 15.7. 2010 mit einem Fachpublikum im Rathaus Duisburg unter Teilnahme von Herrn Professor Schreckenberg(er) wurde festgestellt, dass die Entfluchtung über das Veranstaltungsgelände aufgrund der Sicherungsmaßnahmen durch Sicherheitspersonal sowie die Kameraüberwachung des gesamten Geländes und den Möglichkeiten zur Alarmierung über die Lautsprecheranlage, nachhaltig gesichert werden kann.

Dieses detaillierte Brandschutzgutachten ist Teil der Bewilligung des Duisburger Bauamtes vom 23. Juli n2010 geworden Es war also von Lopavent als Veranstalter der Loveparade verbindlich zu erfüllen. Bisher hat allerdings niemand  Lautsprecher oder gar eine Alarmierungszentrale auf dem Loveparade Gelände gesehen, geschweige denn: gehört. Gewummert haben nur die Musikanlagen auf den Floats und den beiden Bühnen. Alle Durchsagen zur Veranstaltung und zu den Besucherströmen kamen von Fahrzeugen der Polizei und hatten gegen die massive Musikbeschallung so gut wie keine Chance. Die Beteiligten mauern. Geht es nach der Stadt Duisburg, sollte die Öffentlichkeit nicht einmal das zitierte Brandschutzkonzept von Dr. Rainer Jaspers und Öko Tec kennen.

Fest steht:

  • niemand auf dem Loveparade Gelände hat eine ELA in Aktion erlebt
  • für das Brandschutzkonzept von Öko Tec Fire & Risk ist eine ELA unverzichtbar
  • dieses Brandschutzkonzept war Auflage der Genehmigung  zur Loveparade des Duisburger Bauamtes vom 21. Juli 2010

Soweit die Ausgangslage nach dem genauen Durcharbeiten der Akten und Liveberichte. Normalerweise braucht es jetzt fünf bis zehn Anrufe, in denen sich konkretisiert, wie es wirklich war.  Bei der Loveparade in Duisburg ist alles anders. Da ruft niemand zurück. Da haben diejenigen, von denen wir Antworten erwarten, selber Fragen. Da sind ganze Heerscharen von Kommunikationsprofis damit befasst, eine Mauer des Schweigens zu bauen und aufrecht zu erhalten.

Es gibt eine sehr, wirklich sehr, geringe Wahrscheinlichkeit, dass eine ELA nach den Vorgaben des Brandschutzkonzeptes vorhanden war, oder in den letzten Stunden vor dem Event hergerichtet wurde. Dann muss man sich fragen, warum sie nicht benutzt wurde. Motive für Rainer Schaller und seine Kollegen bei Lopavent, keine Durchsagen zu machen, wären noch naheliegend. Schliesslich befand man sich in einer Dauerwerbesendung für McFit,  live übertragen vom WDR und dem eigenen McFit/BILD.de Feed. Das lässt man sich ungern durch Ansagen oder gar Besorgnis erregende Bilder stören oder gar kaputt machen.

Andereseits: nach den am Fuss der Rampe liegenden Toten, deren Sperrung als Ausgang und der Öffnung der Notausgänge hätten die dafür Verantwortlichen mit Sicherheit eine vorhandene Elektro-akustische Alarmierungsanlage benutzt, um die Besucher auf Notausgänge und den Rückweg zum Duisburger Bahnhof hinzuweisen. Zumal die DIN Normen aller ELA-Anlagen eine Vorrangschaltung für Polizei und Feuerwehr vorsehen.

Damit währen wir bei der wahrscheinlichsten, aber auch ungeheuerlichsten Variante. Konrad Adenauer wird die Aussage “Das steht im Programm und da bleibt das auch!” zugeschrieben. Sollten die Joint Venture Partner der Loveparade, Lopavent / McFit und Stadt Duisburg Adenauers Motto nur leicht abgewandelt haben: “Das steht im Konzept und da bleibt das auch?”

Ein Blick auf den letzten Monat der Loveparade Vorbereitung stützt diese Möglichkeit. Eine  Gesprächsnotiz der Leiterin des Duisburger Bauamtes Anja Geer vom 18.Juni 2010 ist eines der bekanntesten Dokumente aus der Loveparade Planungsphase. Mehrere Tageszeitungen haben es faksimiliert wieder gegeben. Grund für die Popularität dieses Protokolls war der handschriftliche Vermerk von Geers Chef, dem Duisburger Dezernenten für Stadtentwicklung, Jürgen Dressler: “Ich lehne (…) eine Zuständigkeit von V / 62 ab.”

Nach dem Dezernatsverteilungsplan ist V Dresslers Stadtentwicklungsdezernat und 62 das in dieses Dezernat integrierte und von Anja Geer geleitete Amt für Baurecht und Bauberatung. Mit dieser klaren Ansage macht Dressler zwei Dinge deutlich: fünf Wochen vor der Loveparade, gab es bei der Stadtverwaltung Duisbur unter Leitung von Oberbürgermeister Adolf Sauerland keine gemeinsame Idee, wie eine Genehmigung für die Loveparade zu erreichen ist. Während man im Bauamt und Stadtentwicklungsdezernat daran festhielt, einen Antrag nach Sonderbauverordnung (SBauVO) und Bauprüfverordnung (BauPrüfVO) zu erhalten, glaubt Lopavent bis zum Gespräch am 18. Juni an einer solchen Genehmigung und der damit verbundenen Erfüllung von Auflagen vorbei zu kommen. Schließlich hört Lopavent aus Duisburgs Rechtsreferat und von dessen Leiter Wolfgang Rabe entsprechende Signale.

Das von Anja Geer protokollierte Treffen am 18. Juni 2010 ist eigentlich ein Routinetermin. Lopavent hat am 31 Mai 2010 einen Antrag auf Nutzungsänderung des alten Güterbahnhofes in Duisburg für die Loveparade gestellt. Zu diesem Antrag fehlen jedoch so gut wie alle Anlagen. Diese notwendigen Ergänzungen  hat Geers Mitarbeiter mit Schreiben vom 14. Juni 2010 akribisch aufgelistet, darunter auch die hier interessierende Elektro-akustische Alarmierungsanlage (ELA-Anlage). Vier Tage später will man sich bei Lopavent treffen, um die Angelegenheit zu erörtern und einer Genehmigung näher zu kommen.

Schon die Besetzung der Gesprächsrunde durch Lopavent ist ungewöhnlich. Neben Organisationsleiter Stephan Sasse und dem Sicherheitschef (namentlich nicht protokolliert, wahrscheinlich: Lutz Wagner) sitzt ein ebenfalls nicht namentlich genannter Rechtsanwalt am Tisch. Frau Geer hat einen Mitarbeiter mitgebracht. So, zu fünft, hätte man immerhin eine arbeitsfähige Gruppe am Tisch gehabt um mit dem Bauantrag weiter zu kommen.  Doch Anja Geer vom Duisburger Bauamt hat die Rechnung ohne den Dezernenten für Sicherheit und Recht der Stadt Duisburg Wolfgang Rabe und wohl auch ohne Oberbürgermeister Adolf Sauerland gemacht. Sie protokolliert: “Das Gespräch (…) sollte zwischen Lopavent und 62 stattfinden. Die restlichen Teilnehmer wurden von II eingeladen”. II, ist der erwähnte Duisburger Rechts und Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe.

Rabe hat sich also zunächst einmal, auf wessen Hinweis oder Initiative auch immer,  selbst zur Arbeitsbesprechung des Bauamtes eingeladen. Er ist ausserdem nicht alleine gekommen, sondern hat zwei Mitarbeiter seines Dezernates sowie zwei weitere des ihm unterstellten Ordnungsamtes, darunter dessen stellvertretende Leiterin Ursula Fohrmann als Koordinatorin für die Loveparade, mitgebracht. Ausserdem:  ein Mitarbeiter der ebenfalls Rabe unterstehenden Feuerwehr. Damit ist das Dezernat “Recht” mit drei mal so vielen Mitarbeitern am Tisch wie “Bau”. Ausserdem ist es mit einer höheren Hierarchiestufe “Dezernent” statt “Amtsleiterin” vertreten als “Bau / Stadtentwicklung”. Anja Geers Anliegen, einen Antrag auf Nutzungsänderung zu besprechen, ist damit hinfällig. Sie kann unverrichteter Dinge ins Baumt zurück kehren. Tut sie auch. Nicht ohne jedoch Ihrem Dezernent Jürgen Dressler (und jetzt auch uns) einiges über die Vorstellungen von Rabe, Sauerland und Lopavent nur fünf Wochen vor der Loveparade mitzuteilen.

Für einen Rechtsdezernenten ist Rabe auf der Besprechung am 18. Juni fürwahr mit interessanten Positionen vertreten: “Die Anforderung der Bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches (Flucht und Brandschutz)Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten (…) es könne nicht sein, dass 62 diese Pflicht nur auf die Antragsteller abwälzen würde.” Dann spricht Rabe das Verb, das den weiteren Planungs- und Genehmigungsverlauf der Loveparade prägen wird: “absegnen”. Rabe lässt “absegnen”,  am liebsten von Professor Michael Schreckenberg.

Mit soviel Rückenwind aus dem Rechtsdezernat wäre die Delegation von Lopavent schön dumm, sich gegenüber dem Bauamt nicht blöd zu stellen. Das hört sich dann so an:
“Lopavent wies darauf hin, dass Fluchtwege mit 440 Metern von ihnen nicht dargestellt werden könnten. Diese rechtlichen Voraussetzungen hätten sie noch nie machen müssen. Lopavent hat bisher 155 Meter nachgewiesen, da sie es (…) für ausreichend halten.
Das mag stimmen. Schliesslich befindet man sich das erste Mal mit einer Loveparade nicht auf öffentlichem Strassenland, sondern auf einem Grundstück, auf dem die Sonderbauverordnung gilt. Unter den “strengen Augen” des Duisburger Rechtsdezernenten eine Diskussion mit solchen “Argumenten” bestreiten zu können, ist für Lopavent mehr als ein Platzvorteil.

Wie bekannt und beschrieben, haut nach diesem Protokoll Duisburgs Bau- und Stadtentwicklungsdezernent Jürgen Dressler auf den Tisch. In der Stadtverwaltung Duisburg der Haussegen gründlich schief gehangen haben. Sie ist gespalten und handlungsunfähig. Eine Woche später erscheint jedoch in Person des Dr. Jaspers und seiner Öko Tec Fire & Risk ein Esperte, der die Richtung weist, damit die Duisburger Stadtverwaltung die Loveparade doch noch “absegnen” kann.

Genau eine Woche nach dem gescheiterten Gespräch vom 18. Juni sitzt man am 25.6 2010, jetzt hat man noch vier Wochen Zeit, erneut zusammen. Diesmal auf Arbeitsebene, ohne Amtsleitungen und Dezernenten und auch in passenderen Proportionen. Zwei Teilnehmer von Lopavent, vier vom Bauamt, zwei von der Feuerwehr und eben Herr Dr. Jaspers. Der hilft gerne. Nicht ohne mit Aussicht auf einem lukrativen Auftrag den Raum zu verlassen.  Jaspers Konzept geht so:

Herr Dr. Jaspers erläutert aufgrund seiner Erfahrung vom Papstbesuch in Köln und vom Kirchentag in Kleve (1,4 Mio Besucher) dass diese Grossveranstaltungen durch das Aufstellen einer Fluchtanalyse abgesichet wurden.
Herr Dr. Jaspers hatte eine telefonische Rücksprache mit Herrn MR Rübel vom Ministerium für Bauen und Verkehr in NRW. Dieser hat ihm bestätigt, dass eine Fluchtanalyse die Möglichkeit bietet, Verdichtungen von mehr als zwei Personen je gm im Bereich von Szeneflächen, etc. und die daraus resultierenden Entfluchtunsströme mit den dazugehörigen Ausgangsbreiten und Rettungswegflächen konkret darzustellen. Daraus kann dann evtl. eine erforderlich Abweichung von SBauVO Teil 1 formuliert werden. (…) Als Lösung schlug Herr Dr. Jaspers vor, ein Brandschutzkonzept inkl. der Entfluchtungsanalyse aufzustellen. Dieses Brandschutzkonzept wird von der unteren Bauaufsicht und 37 (Feuerwehr und Zivilschutz) sowie von Herrn Prof. Dr. Schreckenberg (für den Teil der Entfluchtungsanalyse) gegengeprüft.

Genau so wird es gemacht: “Die untere Bauaufsicht sowie Herr Spohr und Herr Sasse (Lopavent) stimmten dem von Herrn Dr Jaspers vorgeschlagenen Lösungsweg zu”.

Denkt man an den bestehenden Zeitdruck wird es jetzt (noch einmal) mehr als verwunderlich. Die erste Seite des Protokolls des hier referierten Gespräches vom 25. Juni 2010 trägt genau dieses Datum. Auf der zweiten Seite ist aber von einem Aktenvermerk v. 30. Juni 2010 die Rede. Das  könnte darauf hindeuten, dass die erste Seite fünf Tage zurück datiert wurde, ab Seite zwei das wirkliche Erstellungsdatum eingesetzt wurde.

Am 29. Juni beantragen die Lopavent Anwälte Fristverlängerung bis zum 7. Juli, lassen jedoch auch dies Frist verstreichen und beauftragen Dr Jaspers Ökotec Fire & Risk erst 14 Tage nach dem Durchbruch in der Besprechung des  25. Juni, nämlich am 12. Juli 2010 mit der Erstellung der Brandschutzkonzeption. Wie erwähnt wird die erst zwei Tage vor der Loveparade, am 22.7. 2010 fertig. Da bleibt kaum genug Zeit um Sie, wie geplant, im Bauamt oder bei der Feuerwehr noch ernsthaft zu prüfen. In der  “Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung”  23. Juli 2010, verzichtet das Duisburger explizit auf einiges wie z.B. Feuerwehrpläne und Fluchtwegausgangsbreiten. Nicht aber: auf eine ELA Anlage.

Noch eine Merkwürdigkeit:
Neben dem Brandschutzkonzept und der Entfluchtungsanalyse wird auch das Lopavent Sicherheitskonzept zum Bestandteil der Ausnahmegenehmigung gemacht. Der Stempel des Amtes für Baurecht der Stadt Duisburg “Gehört zum Bescheid vom 23. Juli 2010″ trägt das gleiche Datum und die Unterschrift des bewilligenden Bauamtsmitarbeiters.

Noch gravierender: das hier zum Bestandteil der Bewilligung gemachte Sicherheitskonzept stammt vom 28.6. 2010, und erwähnt die Elektro-akustische Alarmierungsanlage mit keinem Wort. Dr Jaspers lag nicht dieses Sicherheitskonzept  , sondern ein -möglicherweise um die ELA aktualisiertes- “Veranstaltungskonzept Sicherheit vom 12.7. 2010” vor. Er erwähnt es im Verzeichnis der verwendeten Dokumente. Der 12. Juli ist genau der Tag von Jaspers Beauftragung. Sollte man extra für Jaspers ein Veranstaltungs und Sicherheitskonzept gefertigt haben, dass man aber nie zur Bau- und Bewilligungsakte nahm? Das würde erklären warum Jaspers ständig “siehe Veranstaltungs- und Sicherheitskonzept” schreibt, obwohl die referierte Thematik in den uns voeliegenden Dokumenten nicht zu finden ist.

Gerne hätten wir das Dr Jaspers verwendete Sicherheitskonzept vom 12. Juli 2010 mit dem zur der Bewilligung verwendeten vom 28. Juni 2010 abgeglichen. Jaspers und seine Öko Tec Fire & Risk kommunizieren wie Lopavent und die Stadt nach der Methode “Duisburg”. Sie geben weder Dokumente heraus noch reden sie mit uns. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens Polizei und Staatsanwaltschaft über alle Versionen des Sicherheitskonzeptes der Loveparade, auch der bisher nicht öffentlichen vom 12. Juli 2010 verfügen.

Am  Tag vor der Loveparade ist damit die folgende paradoxe Situation eingetreten: Sicherheitskonzept und Brandschutzkonzept sind Bestandteil der Bewilligung. Das Brandschutzkonzept sieht eine ELA-Anlage vor, kann ohne diese nicht funktionieren. Das bewilligte Sicherheitskonzept kennt keine ELA.  Wie führt man auf dieser Grundlage eine Bauabnahme und wenn nötig eine Abnahme nach Bauprüfverordnung durch? Der Zwischenbericht der Stadt Duisburg hält sich dazu entsprechend vage:

Die Mitarbeiter der Bauaufsicht führten in mehreren Ortsterminen die Bauabnahmen durch, zuletzt am 23. 7. 2010 bis nach 23 Uhr.

Haben sie sich bei der Bauabnahme an das (alte) Sicherheitskonzept oder das neuere Brandschutzkonzept gehalten? Haben Sie die ELA getestet und abgenommen, oder gar nicht erst gesucht? Alles spricht für die zweite Variante. Genutzt wurde die Elektro-akustische Alarmierungsanlage nicht, obwohl Lopavent und vielleicht auch einige andere Stellen mit 17 Kameras sehen konnte, dass sich ein Inferno anbahnte.

Fazit:
Sollte das Bauamt der Stadt Duisburg tatsächlich eine von ihm selbst geforderte und für das Brandschutz- und Evakuierungskonzept konstitutive Lautsprecheranlage, bei der Bauabnahme vergessen und übersehen haben, wäre eine Suspendierung aller daran beteiligten oder davon wissenden MitarbeiterInnen überfällig.

Sollte es, trotz aller dagegen sprechenden Fakten, auf dem Gelände der Loveparade Duisburg eine ELA Anlage gegeben haben, wäre deren nicht Nutzung durch die Veranstalter ein Verbrechen.

Fragen bleiben, Befürchtungen auch:
Aber ein paar Antworten mehr, hätten es schon sein dürfen, Herr Schaller, Herr Sauerland, Frau Geer, Herr Dressler und Herr Dr. Jaspers.

10 Antworten auf Wo waren die Lautsprecher ?

  1. ungutes Gefühl sagt:

    Zitat Brandschutzkonzept ÖKOTEC Fire & Risk:

    C.16.12 Prüfung der sicherheitstechnischen Anlagen und Einrichtungen

    Vor der ersten Inbetriebnahme sind im Regelfall notwendige Prüfungen durch Prüfsachverständige nach PrüfVO NRW durchzuführen.

    Zitat Ende

    Im selben Absatz wird von Ökotec erklärt, dass eine derartige Überprüfung auf Betriebssicherheit und Wirksamkeit nicht nötig sei.

    Im besten Sinne von “Gesetze und Verordnung sind nur was für Anfänger, da steh ich drüber”.

  2. Lothar Evers sagt:

    man kann sich die Features solcher Anlagen von diversen Herstellern und Lieferanten im Internet zeigen lassen. Habe mit einigen Entwicklern und auch Menschen gesprochen, die in Duisburg viel kleinere Events organisiert haben.
    Eine ELA Anlage wird immer verlangt, wenn es um Entfluchtung und Brandschutz grösserer Menschenmengen geht. Nicht nur auf geschlossenen Grundstücken. Auch im öffentlichen Strassenraum. Zu deren Features gehören:
    Vorrangschaltung:
    sobald die ELA für Alarm oder Sprachdurchsagen genutzt wird schaltet sie alle anderen (Programm)lautsprecher stumm.
    Zeitversetzte Lautsprecher.
    Um die Durchsagen verständlich zu machen. müssen sie die einzelnen Lautsprecher Zeit versetzt erreichen. Sonst ist aufgrund der Ausbreitung der Schallwellen nichts zu verstehen.

  3. Lothar Evers sagt:

    In der Chronologie liegen Sie sicher richtig, wobei ich vor dem Fachchinesisch der Entfluchtungsanalyse (vorläufig noch) kapituliert habe.
    Spannend ist natürlich:
    hat Lopavent extra für Herrn Dr. Jaspers ein Sicherheitskonzept z.B. inklusive ELA geschrieben, dass dann aber nie aktualisierend zum Bauantrag gereicht wurde?
    Oder:
    phantasiert Herr Dr Jaspers diese Sicherheitsfeatures nur.
    Jedenfalls hätte dem Duisburger Bauamt durch blossen Abgleich des Brandschutzkonzeptes mit dem zur Genehmigung genommenen Sicherheitskonzept die signifikanten Unterschiede auffallen müssen.
    So und ohne Abnahme der Features blieb alles was Dr. Jaspers konzipierte, blosse Makulatur:
    Das steht im Konzept, und da bleibt das auch…”

  4. Jan sagt:

    Sehr geehrter Herr Evers, zunächst allen Dank und Respekt für Ihr sehr neutrales, aufwendiges und faktenreiches Aufarbeiten! Zu dem speziellen Aspekt, den ich einmal laienhaft als “akustische Besucherlenkung” bezeichne, habe ich, der ich nicht selbst dabei gewesen bin, kein einziges Video gesehen, in dem eine Durchsage das initiative und ggf. eigenmächtige Handeln von Ordnern oder Polizei beeinflusst hätte. Optisch eindeutige Piktogramme etc. zur Fluchtwegekennzeichnung hat es ja nebenbei bemerkt wohl auch nicht gegeben, so dass man insgesamt etwa für die BesucherInnen von einem gewährleisteten eindeutig gekennzeichneten Fluchtwegesystem sprechen könnte, wie man es aus jedem öffentlichen Fahrstuhl kennt. Ihr hier äußerst schlüssiger Fokus auf die Arbeit von (Herrn) Dr. Jaspers und ein von ihm am 12.07.2010 laut Darstellung verwendetes Sicherheitskonzept erscheint mir nun als Teil der mit heißester Nadel gestrickten örtlichen “Rettungsmaßnahmen” zur Durchführung einer an sich nicht genehmigungsfähigen LoPa in Duisburg, zu der dann auch die Anfang Juli 2010 von Lopavent an die Firma TraffGo HT GmbH in Auftrag gegebene und von Prof. Schreckenberg “abgesegnete” Evakuierungsanalyse zählen muss. Eine namentlich von Dr. Klüpfel vertretene Simulation soll ja die als ausreichend begründete Breite der Fluchtwege von 155 Metern nachgewiesen haben. Allerdings war unter Verweis auf die “Erfahrungen” aus den vorangegengenen Loveparades schon vor Beauftragung und Erstellung dieser Analyse seitens Lopavent mit einer eben diesem “wissenschaftlichen” Nachweis identischen Fluchtwegebreite argumentiert worden. Oder ist mir in der Chronologie etwas durcheinander geraten?

  5. nobody noname sagt:

    Sehr geehrter Herr Evers,
    mich würde interessieren, wie man sich so eine Anlage konkret vorstellen muss? Wie sähe so etwas auf einer Veranstaltung wie LP aus? Boxen auf Masten oder eher megaphonartige Lautsprecher wie sie früher auf Bahnhöfen üblich waren? Wären die Lautsprecher dann in kleinen Abständen montiert oder nur einige wenige auf dem ganzen Gelände? Im Grunde zielt mein Fragen darauf, wie die Komponenten einer ELA im Bild grob auszusehen hätten, wenn sie montiert wäre? Vorab besten Dank!

  6. Lothar Evers sagt:

    Ja, ich fürchte nur:
    das stand im Konzept und da blieb das auch…

  7. Markus sagt:

    Laut Brandschutzkonzept (Seite 43) ist ein extra Raum für die ELA vorhanden und im Abschlussbericht Recht gibts ab Seite 32 ein extra Kapitel für

    ich les das so: wäre im Tunnel eine Bühne gestanden oder ein Float gekreist hätte sehr wohl per Vorrangschaltung ein Durchsage über deren notstromgesicherte und nachweislich nach VDE & BG abgenommene Tonanlage gemacht werden können

  8. Lothar Evers sagt:

    Hallo Heinz, vorher habe nichts zur Loveparade und schon gar nichts besser gewusst. ich gar nichts besser gewusst. Aber hier glaube ich schon einige Fakten gefunden zu haben, die nicht allgemein bekannt sind…

  9. heinz sagt:

    Nach jeder Katastrophe finden sich hunderte von Klugscheisser, die es besser gewusst haben… SO wie DU!

  10. Loveparadefan sagt:

    Schade……soviel Ungereimtheiten….soviel Opfer….eine Veranstaltung die nun wohl nie mehr stattfinden wird……und warum? Weil selbstgefällige , ehrgeitige Leute “ihr” Ding einfach durchziehen wollten…..koste es was es wolle. Alle Loveparade-Freunde wären bestimmt auch gerne umständlichere Wege geganngen…..um einen schönen Tag mit klasse Music zu haben. Statt derer TOTE…..VERLETZTE……und eine politische Führungsebene die uns ihr HÄSSLICHES GESICHT gezeigt hat! Gehen sie Herr Sauerland…hauen sie ab Herr Schaller….und wer noch alles daran mitgefeilt hat! Ab in die Hölle mit euch!

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