…ist es vielleicht möglich Euch wieder zu finden… Rede Nadia Zanacchi 24.7. 2011

Nadia Zanacchi spricht Klartext. Für mich der Höhepunkt der Gedenkveranstaltung zur Loveparade Katastrophe in Duisburg. Schade, dass man Frau Zanacchi übersprochen und nicht Absatz für Absatz übersetzt hat. (Auch) deshalb hier zum Nachlesen:

Ich spreche im Namen von uns allen, Eltern, Brüder, Schwestern, Angehörige, Freunde. Aber diese Worte sind an unsere Kinder gerichtet.
Liebe Giulia, Anna, Benedict, Clancie, Clara, Christian, Dennis, Eike, Elmar, Fabian, Fenja, Jan Willem, Kevin, Kathinka, Lidia, Liu, Marta, Marie Anjelina, Marina, Svenja, Vanessa.

Bei diesem unseren heutigen Treffen, in dem wir unsere Erinnerung am Leben halten, ist es vielleicht möglich, euch wieder zu finden. Wunderschöne, begeisterte, fleißige, gute und anständige Jugendliche. Blond, braunhaarig, groß, klein, dünn oder pummelig. Unterschiedlich und einzigartig. Ich erinnere mich an das Lächeln, die Traurigkeit, die Träume, die Enttäuschungen, die Liebe, das Studium, die Spiele, die Worte, die Wut, die zärtlichen und zornigen Gesten, die Vorbilder, die Diskussionen, die Geschmäcker.

Wir spüren in uns gegensätzliche Emotionen und Gefühle, die sich in jedem Augenblick abwechseln und ändern.
Wir spüren Wut. Wut für das, was passiert ist, wie es passiert ist, warum es passiert ist. Eine Tragödie, die mit Sicherheit vermeidbar gewesen wäre, wenn der Respekt für die Menschen und die Seriosität bei der Durchführung der eigenen Arbeit Oberhand gewonnen hätten. Es hätte gereicht, sich den Ort mit aufmerksamen und aufrichtigen Blick anzuschauen, um zu verstehen, dass an einem derartigen Ort niemals ein Konzert hätte stattfinden dürfen.
Wir spüren Enttäuschung und Traurigkeit, denn wieder einmal tritt der Wert des menschlichen Lebens in die zweite Reihe, kommt erst nach vielen anderen Interessen, und ihr Jugendlichen, mit euren Träumen, mit eurer Lebenslust und dem Willen, Teil der Geschichte zu sein, wurdet in eurem Vertrauen in andere, in die Institutionen und in die Welt getäuscht.

Ihr wolltet Spaß haben, Musik hören, teilnehmen – aber ihr habt euch an einem baufälligen, dunklen, engen, grauenvollen und gefährlichen Ort wieder gefunden.

Dann werden all diese Gefühle überwältigt, von Leid und Schmerz und die Qual des Verlustes erstickt.
Ich habe immer meine Tochter vor Augen, glücklich, fröhlich, mit einem strahlenden Lächeln und leuchtenden Augen, die sich liebevoll aber mit etwas Eile, aus Angst den Flug zu verpassen von mir verabschiedet.
Mit aller Kraft würde ich gerne zu diesem Augenblick zurückgehen und ihr sagen: “Nein, gehe nicht“! Mit fragendem Blick hätte sie mich angeguckt: “Wieso? Ich gehe doch nur zu einem Konzert, das ist doch genehmigt und beworben. Das ist doch keine Rave Party.“

Wir wussten und wissen immer noch nicht, was hinter so einem Ereignis steckt. Wir fühlen einen anhaltenden, immensen und endlosen Schmerz, denn die Jugendlichen, die so jung, hübsch, gesund, etwas verträumt, idealistisch, lebens- und musikliebend waren, sind nicht mehr da. Aber der Schmerz gilt nicht uns, wir sind hier, wir leben dieses Leben, aber für sie. Sie haben ihr Leben verloren, das wertvollste Gut, jenes wichtigste Gut, das nur zu respektieren ist.

Es tut zu sehr weh an diese Tragödie und ihre Ursachen zu denken, und deshalb denken wir an sie, ich sehe sie zusammen und – gläubig oder nicht, das ist nicht wichtig – möchte ich sie mir zusammen vorstellen.

Ich denke daran, wie das Leben wäre, ich denke mit zu viel Wut an die zerstörten Leben und mit Sehnsucht an die Leben, die noch hätten sein können, es aber nicht mehr sind. Nur eine Geste, ein Wort, eine Farbe, ein Klang, ein Duft – und schon erinnerst du dich an das gemeinsame Leben. Zu kurz das Leben, aber ausgefüllt und intensiv. Du denkst „Zum Glück haben wir zusammen jene Reise machen können, jene Ausstellung besuchen können, und auch nur ganz einfach zusammen plaudern, lachen oder auch streiten können”.
Im diesem vergangenen Jahr, ein sehr langes und zugleich sehr kurzes Jahr, haben wir sehr viel Zuneigung bekommen, von denen, die uns kennen, die unsere Kinder kennen, aber auch von Unbekannten, von den Bürgern, von Bundespräsident Christian Wulff und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, von den Journalisten. Und diese Zuneigung, dieses Mitgefühl helfen
uns, Tag für Tag weiter zu machen.
In diesem Jahr ist vieles gesagt worden, aber wenn wir von Erinnerung sprechen – gemeinsamer Erinnerung, Mahnung, Würde – dann beziehen wir uns auf Verhaltensweisen, die uns in dieser Zeit aufgefallen sind.
Wir brauchen Gerechtigkeit.
Wir vertrauen uns dem Pflichtbewusstsein derer an, die für Recht und Gerechtigkeit stehen und vertrauen uns denen an, die sich für unsere Kinder einsetzen, mit der Sicherheit, dass unser Vertrauen von einem Land mit so großen Traditionen für moralischen und Gemeinsinn nicht missbraucht wird.

Wir können nur daran erinnern, dass einundzwanzig Jugendliche nicht mehr da sind, und es ist nun Aufgabe der Richter sie zu schützen. Sie haben mit ihrem Leben bezahlt…

Wir haben von Neubeginn und neuem Image sprechen hören. Aber das kann nicht davon absehen, was passiert ist, und was Ausgangspunkt für eine tiefgehende Betrachtung desWertes des menschlichen Lebens werden muss. Das menschliche Leben darf nie anderen Interessen untergeordnet werden, kann und muss vom Herzen der Stadt, von ihrem staatsbürgerlichen und politischen Zentrum ausgehen.
Ich spreche für meine Tochter Giulia, um den armen Jugendlichen eine Stimme zu geben, die von der – um wenig zu sagen – unzulänglichen Maschinerie der Organisation vernichtet worden sind.
Wir haben alle die Bilder der großen Masse gesehen, von tausenden von Menschen, die zwangsläufig in den Tunnel strömen mussten.

Es wurde viel gesagt, aber niemand hat uns gesagt, warum eine
Jugendliche, die aus Italien in eine deutsche Stadt gekommen ist, um dort bei einem in der ganzen Welt beworbenen Event teilzunehmen, ein Event als Symbol der Freiheit gegen die Unterdrückung, Symbol des Falls aller physischen und moralischen Mauern, nicht mehr nach Hause gekommen ist.

Ihr Lächeln, das Lächeln aller Jugendlichen ist für immer erloschen.

Ein Kommentar zu …ist es vielleicht möglich Euch wieder zu finden… Rede Nadia Zanacchi 24.7. 2011

  1. Petra van Loosen sagt:

    Liebe Frau Zanacchi!!!

    Mein Beileid zum Tod Ihrer Tochter Giulia.Auch an die anderen Eltern mein
    Mitgefühl und Beileid.
    Hiermit drücke ich meine Hochachtung ihnen gegenüber aus.Vielen Dank für
    die klug gewählten Worte und die Zivilcourage.
    Den Text und die 21 Toten der Loveparade werde ich immer in meinem
    Herzen tragen.
    In Demut Ihre Petra van Loosen

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