Ein Möbelhaus auf Wanderschaft…

Der Ort der Loveparade Katastrophe in Duisburg soll überbaut und zerstört werden. Das sehen Plänen der Stadtverwaltung Duisburg und der Möbelhausgruppe Krieger vor. In einem neuen Bebauungsplanentwurf des alten Duisburger Güterbahnhofes werden die bisherigen Pläne revidiert. Es war geplant, ein Möbelhaus im Süden der „Duisburger Freiheit“ zu realisieren. Dieser Standort wird jetzt deutlich nach Nordosten verschoben . Dadurch erledigt sich ein weiteres Ziel der vorigen Entwürfe. Die Karl Lehr Strasse wird nicht länger weitgehend vom Tunnel befreit, vielmehr zusätzlich überbaut. Statt den Ort der Loveparade Katastrophe zu erhalten sind dort nach der jetzt vorgelegten Planung Parkplätze und ein Freigelände für Sommermöbel vorgesehen. Wir stellen die Unterschiede der alten und neuen Planung gegenüber und beschreiben die Konsequenzen.

Ehemalige Güterbahnhöfe sind -insbesondere wenn sie nah zum Stadtzentrum liegen- begehrte Immobilien. Das weiss die Deutsche Bahn und hat deshalb zur Vermarktung ihrer Immobilien eine eigene Tochter, die aurelis real estate, gegründet. Das wissen auch die beteiligten Stadtverwaltungen. Duisburg hat deshalb niemand geringeren als den international renommierten Architekten Lord Norman Forster mit der Erstellung eines im Februar 2007 vorgestellten Masterplans für die Duisburger Innenstadt beauftragt und ein Marketingkonzept für die Dachmarke „Duisburger Freiheit“ entwickeln lassen.

Die ursprüngliche Bebauungsplanung für den alten Duisburger Güterbahnhof. Stand: Februar 2010. Deutlich erkennbar: der Tunnel über der Karl Lehr Strasse wird ausser für die Überführung der Bahngleise (oben / Ost) und der Autobahn (unten / West) abgerissen. Als Möbelhaus nutzbar ist die weisse Fläche (südlich / rechts) der Karl Lehr Strasse.

Auf der Grundlage dieses Masterplans haben aurelis und das Duisburger Stadtplanungsamt am 18. Februar 2010 eine Bürgerbeteiligung zum Bebauungsplan für den alten Güterbahnhof eingeleitet.

Diese Planung unterteilte den ca. 40 Hektar grossen Bahnhof in drei Quartiere.
Eine Erschliessung des Geländes sollte u.a. über die heute weitgehend durch einen Tunnel geführte Karl Lehr Strasse erfolgen. Das Konzept sah daher den fast vollständigen Abriss dieser Tunnel vor.
Ausnahme: die Stellen, wo Autobahn bzw. Bahngleise die Karl Lehr Strasse kreuzen. Für den Bau eines Möbelhauses wurde im Februar 2010 das Areal südlich der Karl Lehr Strasse (im oberen Plan rechts in weiss gezeichnet) ausgewiesen. Auf den Webseiten der Stadt Duisburg kann man sich auch heute noch einen  visuellen Eindruck dieser Planung verschaffen. Dort stehen auch die wichtigen Dokumente und Pläne zum Download bereit.

Auf der Grundlage dieser Planvorgaben hat die Krieger Grundstück GmbH, das Gelände am 10. Mai 2010, also deutlich vor der Loveparade von der Bahntochter aurelis erworben. Der Übergang des Eigentums erfolgte am 12. August 2010, also nach der Loveparade. Die Krieger Grundstück GmbH gehört Kurt Krieger, dem Inhaber der Möbelhauskette Höffner.

Alter Duisburger Güterbahnhof Planung April 2011

Die neue Planung für den alten Duisburger Güterbahnhof vom April 2011. Das grosse Möbelhaus ist nach Norden (links und nach Osten (oben) verschoben worden. Dadurch kann die Karl Lehr Strasse nicht, wie vorher geplant, geöffnet werden. Stattdessen wird der Tunnel im Osten an der Stelle der bisherigen Rampe verlängert. Eine Erschliessung des Geländes über die Karl Lehr Strasse ist nicht länger vorgesehen.

Statt diese bisherige Planung zu konkretisieren und fort zu führen haben Krieger und das Stadtplanungsamt Duisburg bei einer erneuten Bürgerbeteiligung am 14. April 2011 eine völlig revidiertes Konzept für die „Duisburger Freiheit“ vorgelegt. Auch die Unterlagen hierzu lassen sich unter der Planungsnummer 1129 auf den Webseiten der Stadt Duisburg downloaden. Statt das Möbelhaus in der Südspitze des Geländes zu bauen, sind nunmehr zwei Möbelhäuser, ein grosses nordöstlich und ein Mitnahmemarkt nördlich des ursprünglichen Standortes vorgesehen. Diese überraschende Verschiebung wurde bisher weder von Seiten Kriegers noch vom Stadtplanungsamt Duisburg begründet.

Sie hat jedoch weitreichende Konsequenzen für das Erschliessungskonzept des ehemaligen Bahnhofes und den Charakter der Karl Lehr Strasse. Nach dem ursprünglichen  Konzept hielt das Stadtplanungsamt es für sinnvoll, die Strasse aufzuhellen und für die Zufahrt zum Gelände zu nutzen. Der bedrückende lange Tunnel im Osten des Geländes wäre daher verzichtbar gewesen. Lediglich eine Überführung für die Bahnstrecke und eine für die Autobahn hätten stehen bleiben müssen.

Das Möbelhaus an seinem neuen Standort hat dagegen seinen Haupteingang und ausserdem ein Freigelände zum Sommermöbelverkauf direkt über der Karl Lehr Strasse. Zusätzlich sind Parkplätze in unmittelbarer Nähe vorgesehen.
Konsequenz:
die stadtplanerische Konzeption zur Öffnung der Karl Lehr Strasse wird umgeschmissen. Der düstere Eisenbahntunnel wird verlängert statt geöffnet.

Diese Verlängerung und Überbauung zerstört ausgerechnet den Ort an dem am 24. Juli 2010 einundzwanzig Menschen starben.  Über 500 mussten damals in Krankenhäusern behandelt werden. Zahllose Besucher der Loveparade Duisburg 2010 sind bis heute schwerst traumatisiert. Zur Loveparade -Katastrophe kam es, weil die Eingänge des Veranstaltungsgeländes für die erwartete Zahl der Besucher viel zu schmal waren. Besucher stauten sich auf der Rampe und im Tunnel Karl Lehr Strasse. Vielen erschien in diesem unerträglichen Gedränge eine kleine Treppe hoch zum Veranstaltungsgelände als einziger Ausweg. Am Fuße dieser Treppe kam es zu den lebensgefährlichen Verdichtungen und Stürzen und in deren Folge zu Todesfällen und schweren Verletzungen.

Dieser Ort ist sowohl für viele Hinterbliebene aber auch für Verletzte und Traumatisierte von besonderer Bedeutung. Insbesondere am 24. eines Monats kehren viele zum Ort der Katastrophe zurück. Einige Hinterbliebene haben auch den Heiligen Abend dort verbracht.

In diesem Zusammenhang verwundert es sehr, dass bisher weder seitens des Investors noch seitens des Stadtplanungsamtes Gründe für und Vorzüge der beschriebenen kompletten Neuplanung des Geländes vorgetragen worden sind. Auch die sich daraus ergebende Zerstörung des Ortes der Loveparade Katastrophe wird in den neuen Planungsunterlagen nicht angesprochen.

Trotz dieses Versäumnisses bleibt jedem Interessierten -nicht nur den Duisburgern- die Möglichkeit, Einwände gegen die geplante Bebauung geltend zu machen. Bleibt zu wünschen, dass möglichst viele engagierte Bürger davon Gebrauch machen und dem schliesslich entscheidenden Duisburger Rat einen klare und begründete Alternative zur Entscheidung vorliegt.

Einwände sind zu richten an:
Bebauungsplan 1129/Dellviertel
Amt für Stadtentwicklung und Projektmanagement
Friedrich-Albert-Lange-Platz 7
47051 Duisburg

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Ein Kommentar zu Ein Möbelhaus auf Wanderschaft…

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