Ermittlungsverfahren Loveparade: Lopavent als Beschuldigte…

Der SPIEGEL widmete der Loveparade 2010 in Duisburg die Titelgeschichte der letzten Woche. Der Titel ist reisserisch und irreführend
“Geheimakte Love Parade
Die verhängnisvollen Fehler der Polizei”

Die Akte aus der der Spiegel ist zwar nicht öffentlich, aber auch nicht geheim. Es handelt sich um den Einleitungsvermerk der Staatsanwaltschaft Duisburg vom 17. Januar 2011 . Dieses 452 Seiten umfassende  Dokument ist den 16 zur Zeit Beschuldigten zugegangen. Gleichzeitig ist deren Anwälten auch Akteneinsicht in die Ermittlungsakten gewährt worden. Wohl um seine Quelle zu schützen, legt der SPIEGEL nicht offen, welche Unterlagen die Redaktion ausgewertet hat.  In jedem Fall den erwähnten Einleitungsvermerk. Einige (längere) Zitate aus Zeugenaussagen lassen jedoch darauf schliessen, dass man im Besitz zumindest einzelner Vernehmungsprotokolle ist.

Sollte der SPIEGEL -z.B.  aus dem Kreis der Beklagtenanwälte- eine vollständige Kopie der Akteneinsicht erhalten haben, hat er wohl eine recht einseitige Auswahl getroffen. Ist die Redaktion von einzelnen Beschuldigten bzw. Anwälten mit vor selektierten Dokumenten versorgt worden würde sich Deutschlands führendes Nachrichtenmagazin für PR – Zwecke von Lopavent und den Beschuldigten aus diesem Kreis missbrauchen lassen.

Diese Nähe zwischen Lopavent und dem Spiegel hat uns schon in der Vergangenheit geärgert. Wir beobachteten sie seit dem Auftauchen des Crowd Managers Carsten Walter per Spiegel Interview und wenige Tage darauf in der BILD Zeitung. Die gut ausgestattete SPIEGEL Recherche betete zudem die Lopavent – Legende, es habe nur 16 Kameras gegeben, nach. Wir enthüllten: es waren 17.  Zunahmend bekamen wir den Eindruck, dass sich DER SPIEGEL zur Desinformation missbrauchen lässt.

Das scheint sich diese Woche fortzusetzen. Zwar sind vier Lopavent Mitarbeiter beschuldigt. Es ist also anzunehmen, dass der vom SPIEGEL einseitig ausgewertete Einleitungsvermerk auch zu diesen Neues mitzuteilen hat. Dazu erfahren die SPIEGEL Leser diese Woche aber so gut wie nichts. Deshalb beschäftigen wir uns heute mit der Verantwortung von Lopavent und ihrem Geschäftsführer Rainer Schaller. Wir ergänzen damit unseren Artikel zum Versagen der Polizei. In einem dritten Artikel werden wir die neuen Erkenntnisse zur Verantwortung der Stadt Duisburg zusammen stellen.

Mehr als dünn…

Über 450 Seiten ist der Einleitungsbericht der Staatsanwaltschaft.  Offensichtlich stehen dem SPIEGEL auch zahlreiche, wenn nicht sämtliche Vernehmungsakten der „Sonderkommission Loveparade“ zur Verfügung. Die Lopavent GmbH unter dem McFit Geschäftsführer Rainer Schaller hat das in der Katastrophe endende Event „Loveparade“ geplant, und war für deren Ablauf verantwortlich. Vier Mitarbeiter werden als Beschuldigte geführt. Über diesen Teil der Ermittlungen erfahren wir fast nichts. Dies ist der vollständige Auszug:

Sie (die Polizei) hat sich zwar nicht das abstruse Sicherheitskonzept ausgedacht – das war der Veranstalter, die Firma Lopavent, die offenbar nur eines mit größter Sicherheit wollte: schöne Werbebilder für den Hauptsponsor, die Sportstudio-Kette McFit und ihren Chef Rainer Schaller. (…)
Für die Sicherheit auf dem Paradeplatz und im Tunnel musste Lopavent sorgen, mit Ordnern, mit einem Sicherheitskonzept.(…)
Lopavent stellt die Anträge, die Stadt arbeitet sie ab;(…)
Und doch riecht manches nach einer Kumpanei zwischen Lopavent und der Stadt,(…)
Derzeit 16 Beschuldigte führt die Staatsanwaltschaft; (…)  nicht Schaller, den Lopavent-Geschäftsführer und McFit-Chef, der den Massenauflauf als Marketing-Mittel sah.  Aber wohl seine (ihre) Mitarbeiter bei Lopavent der Sicherheitschef oder der Crowd-Manager.

Das wars! Mehr hat uns Deutschlands „führendes Nachrichtenmagazin“ aus den ihm vorliegenden Akten nicht mitzuteilen. Mehr als dünn: enttäuschend. Wir erfahren nicht einmal wer die Beschuldigten sind. Selbst „Sicherheitschef“ und „Crowdmanager“ sind nicht durch die Konjunktion „und“ sondern „oder“ verbunden. Nur einer von beiden, etwa? Wer sind die anderen zwei (drei)? Lopavent und McFit Geschäftsführer Schaller scheint nicht beschuldigt zu sein. Auf der aus dem Cache geretteten Lopavent Webseite wird neben Schaller ein zweites Mitglied der Direktion vorgestellt: Kersten S. als „Executive Director and Creative Director“. Eventuell auch noch Produktionsleiter Stephan S. oder der Technische Leiter Günter S.

Wir erfahren auch nicht, ob alle oder die meisten McFit Mitarbeiter aussagen oder Einlassungen verweigern bzw. welche Dokumente oder sonstige Beweismittel diese belasten. Wir erfahren nicht ein einziges Zitat aus einer Vernehmung oder einem Beweismittel, das sich auf McFit bezieht. Dabei trägt McFit und deren jeweils zuständige Mitarbeiter für mindestens fünf Versäumnisse, die zur Katastrophe führten, die primäre Verantwortung:

  • Der Eingang zum Veranstaltungsgelände war am Kopf der Rampe durch die den Zugang schmälernden Floats zu eng,  die bis zu 90.000 zu- und abgehenden BesucherInnen pro Stunde sicher auf das Gelände und wieder hinaus zu bringen.
  • Die von der Bauaufsicht geforderte ELA-Lautsprecheranlage wurde nicht eingebaut.
  • Die Zahl der Ordner war nicht ausreichend um am oberen Teil der Rampe genügend Pusher einzusetzen und die Einsatzstellen sicher zu schliessen.
  • Die (bisher bekannten) Sicherheitskonzepte für die Loveparade genügen nicht den Anforderungen der Sonderbauverordnung, da sie u.a. die Zahl der Ordner nicht nennen.

Zu diesen Sachverhalten erfahren wir im Spiegel nichts. Im Einzelnen:

Besucherströme

Die für die Lopavent die Loveparade planenden Freiberufler waren erfahrenen Profis. Noch in der Vorbereitung der Loveparade wurden sie für Eventplanung und Veranstaltungsmanagement der Eröffnungsveranstaltung der „Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ engagiert. Sie hatten auch Erfahrung aus vorherigen Loveparades. Sie mussten wissen dass es oben am Rampenkopf durch die durchfahrenden Floats so eng werden musste, dass dort unmöglich die prognostizierten Besuchermassen hereinkommen konnten. Zudem dort kein Einbahnstrassensystem organisiert war, sondern den ankommenden Zuschauern zehntausende Besucher, die die Veranstaltung verlassen wollten gegenüber standen.

Lautsprecheranlage

Die gleichen erfahrenen Kollegen wussten natürlich, dass man eine Veranstaltung dieser Komplexität nicht „fahren“ kann, ohne eine ELA-Anlage für Durchsagen zu installieren. Es waren 17 Überwachungskameras eingesetzt. Deren Auswertung ist nutzlos, wenn ich die Staus nicht mittels Durchsagen und/oder Pusher-Ordner auflösen kann. Die Kameras kann man als Augen des Veranstaltungmanagements verstehen. Will man nicht tatenlos zusehen braucht man aber auch Mund (Lautsprecheranlage) und Hände (Pusher).

Die ELA – Anlage war vom für die Genehmigung zuständigen Duisburger Bauamt zwei mal (am 14. Juni und am 14 Juli 2010) angefordert worden. In beiden Schreiben drohte die Bauaufsicht:

Sollten die fehlenden Unterlagen (…) nicht bis zum v.g. Termin eingegangen sein, so werde ich den Antrag gebührenpflichtig (ein Viertel der Genehmigungsgebühr) zurückweisen

Nach dieser eindeutigen Aussage war bei Lopavent also eine unternehmerische Entscheidung fällig:

  • die Anlage einbauen, und damit Kosten von einigen zehntausend Euro auslösen? oder
  • den Einbau der Anlage (weiterhin) verweigern und damit eine Zurückweisung des Antrages riskieren?

Es ist kaum anzunehmen, dass eine so weitreichende Entscheidung bei Lopavent auf unterer Sachbearbeiterebene ohne Konsultation und Entscheidung des Geschäftsführers Rainer Schaller gefasst wurde.

Damit nicht genug. Offensichtlich hat man die Polizei bewusst über die Möglichkeiten trotz fehlender ELA Durchsagen an die Besucher zu machen, bewusst getäuscht. Der SPIEGEL berichtet:

Gegen 14 Uhr erfahren Polizisten von zwei Problemen, die aus diesem Tag später einen Katastrophentag machen werden(…). Zwei Beamte, zuständig für Lautsprecherdurchsagen, melden sich bei Lopavent. Sie wollen sich an die Mikrofone setzen, für Durchsagen, falls nötig. Denn der Veranstalter hatte im Genehmigungsverfahren garantieren müssen, dass er so eine Anlage bereitstellt, eine, mit der die Polizei notfalls die Musik weg- und sich selbst einschalten könnte. Und nun erfahren die beiden Polizisten, dass sie stumm bleiben werden. Technisch nicht möglich, heißt es lapidar. (…) Mit funktionierenden Notfalldurchsagen, sagt die Staatsanwaltschaft, wäre das Gedränge, wäre die Katastrophe wahrscheinlich nicht passiert.

Diese Information an die Polizei ist gelogen. Natürlich hätte man die ELA – Anlage „technisch realisieren“ können. Das gelingt bei jedem mittel-grossen Public Viewing. Man hat die Auflage des Bauamtes nicht erfüllt, und das Bauamt hat das akzeptiert. Noch schlimmer: die Polizei wird nicht darüber informiert, dass man auch ohne ELA Anlagen Zuschauerdurchsagen machen kann. Jeder der Float LKWS kann mit Hilfe einer UKW Frequenz einzeln angesteuert werden. Hierzu wird das Musikprogramm des Float DJs unterbrochen und eine andere Music / Durchsage über die Float Lautsprecher gesendet. Diese Möglichkeit hatte man eingebaut , da die Floats auf ihrem Rundkurs mehrfach zwischen Hauptbühne und VIP- Pressebereich durchfahren. Damit dabei kein „Soundbrei“ entsteht, spielt von den Floats, über UKW zugespielt, das Programm der Hauptbühne.

Diese Technik wäre -hätte man es denn gewollt – leicht zur Besuchersteuerung einzusetzen gewesen. Man hätte je einen Float links und rechts des Rampenkopfes geparkt und über diese die entsprechenden Durchsagen gemacht. Auch das hat man nicht gewollt und realisiert.

Wer immer an der Entscheidung beteiligt war, die ELA – Anlage nicht zu bauen, und die Polizei über die Möglichkeit von Durchsagen via Floats zu täuschen, hat Menschenleben gefährdet. Gerade deshalb würde man gerne mehr über die internen Kommunikations- und Entscheidungsstränge bei Lopavent wissen.

Ordner / Pusher

Für den von Crowdmanager Carsten Walter verantworteten Bereich des Loveparade Geländes waren ca. 150 Ordner vorgesehen. Ob diese Ordner real anwesend waren, muss bezweifelt werden. Zahlreiche Ordner sind im Stundennachweis mit null Arbeitsstunden gelistet. Das hat weitreichende Folgen. Der SPIEGEL schreibt:

Genauso unbegreiflich, warum um 14.03 Uhr offenbar keiner schaltet, als bei der Befehlsstelle der Vierten Hundertschaft einer der wichtigsten Funksprüche des Tages eingeht. Der Ordnerdienst, heißt es da, schaffe es nicht, am Kopf der Rampe mehr Personal heranzuziehen. „Zwei Pusher vor Ort ist zu wenig. (…) Zwölf Pusher hat Carsten Walter anfangs dafür eingesetzt; Walter, der sogenannte Crowd-Manager, der für Lopavent mit den Ordnern die Massen steuern soll. Doch glaubt man mehreren Zeugen, die bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt haben, dann hat er schon vor 14 Uhr von diesem Dutzend ein paar zum Einlass West geschickt, ein paar andere abgestellt, um ein Kamerateam zu begleiten. Walter sagt heute, er habe keine Pusher abgezogen; und das Kamerateam sei nicht von Pushern, sondern von anderen Ordnern begleitet worden. Fakt ist: Auf der Rampe standen viel zu wenig Pusher… „

Mit Sicherheit wären selbst die 12 Pusher zu wenige gewesen, um ohne Lautsprecherdurchsage den Stau am Rampenkopf aufzulösen. Es muss also davon ausgegangen werden, dass die 150 Ordner des Konzeptes Walter nicht zur Verfügiung standen und man dringend Ordner aus anderen Bereichen hätte abordnen müssen, um die Gefahren des Eingangsbereiches der Loveparade zu beherrschen.

Sicherheitskonzept

Die bisher vorliegenden Sicherheitskonzepte vom 20. Mai und 28. Juni 2010 genügen den Anforderungen der Sonderbauverordnung Nordrhein Westfalen nicht. In deren §43 heisst es:

Sicherheitskonzept, Ordnungsdienst für Versammlungsstätten

(1) Erfordert es die Art der Veranstaltung, hat der Betreiber ein Sicher­heits­konzept aufzustellen und einen Ordnungsdienst einzurichten.
(2) Für Versammlungsstätten mit mehr als 5 000 Besucherplätzen hat der Betreiber im Einvernehmen mit den für Sicherheit oder Ordnung zustän­digen Behörden, insbesondere der Polizei, der Brandschutz­dienst­stelle und den Rettungs­diensten, ein Sicherheits­konzept aufzustellen.
Im Sicherheitskonzept sind die Mindestzahl der Kräfte des Ordnungs­dienstes gestaffelt nach Besucherzahlen und Gefährdungsgraden sowie die betrieblichen Sicherheitsmaßnahmen und die allgemeinen und besonderen Sicherheitsdurchsagen festzulegen.
(3) Der nach dem Sicherheitskonzept erforderliche Ordnungsdienst muss von einer vom Betreiber oder vom Veranstalter bestellten Person geleitet werden.
(4) Die Ordnungsdienstleiterin oder der Ordnungsdienstleiter und die Ordnungsdienstkräfte sind für die betrieblichen Sicherheitsmaßnahmen verantwortlich.
Sie sind insbesondere für die Kontrolle an den Ein- und Ausgängen und den Zugängen zu den Besucherblöcken, die Beachtung der maximal zulässigen Besucherzahl und der Anordnung der Besucherplätze, die Beachtung der Verbote des § 35, die Sicher­heits­durch­sagen sowie für die geordnete Evakuierung im Gefahrenfall verantwortlich.

Die bekannten Sicherheitskonzepte verschweigen:

  • die Mindestzahl der Kräfte des Ordnungs­dienstes
  • staffelt diese Mindestzahlen daher auch nicht nach Besucherzahlen und Gefährdungsgraden
  • nennt weder die allgemeinen noch die besonderen Sicherheitsdurchsagen
  • beschreibt nicht welche Massnahmen zur Beachtung der maximal zulässigen Besucherzahl getroffen wurden.

Dieses Konzept ignoriert basale Anforderungen der Sonderbauverordnung NRW. Es genügt auch nicht der Checkliste zum Sicherheitskonzept, die die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland erarbeitet und veröffentlicht hat.

Bleibt zu hoffen, dass der SPIEGEL hier noch nachlegt und bald auch den Nebenklägern vollständige Akteneinsicht gewährt wird.

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Ein Kommentar zu Ermittlungsverfahren Loveparade: Lopavent als Beschuldigte…

  1. Phoenix sagt:

    Bitte bleiben Sie am Ball.
    Dies ist bisher die einzige Seite auf der ich echte Aufklärung vorfinde. Tatsachen mit Verweisen. Sehr gut rekonstruiert.

    MfG
    Phoenix

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