Polizei auf der Loveparade: ab 14:00 Uhr ging alles schief…

Der SPIEGEL widmet der Loveparade 2010 in Duisburg in dieser Woche den Titel:
„Geheimakte Love Parade
Die verhängnisvollen Fehler der Polizei“
In der Vorabmeldung zur aktuellen Ausgabe des SPIEGEL heisst es:

„Die Polizeiführung hat bei der Duisburger Love Parade, die 21 Tote und Hunderte Verletzte forderte, offenbar gravierende Fehler gemacht. Das geht nach Informationen des SPIEGEL aus einem mehr als 400 Seiten starken Bericht der Staatsanwaltschaft Duisburg vom Januar 2011 hervor.“

Die Titelgeschichte konzentriert sich keineswegs nur auf die Polizei, sondern liefert interessante Details aus der Duisburger Kommunalverwaltung. Sie ist deshalb ein Must-Read für jeden, der in Sachen „Loveparade“ auf dem Laufenden bleiben will.

Wir werden in drei einzelnen Artikeln den SPIEGEL Titel in Bezug auf die Polizei, die Stadt Duisburg und den Veranstalter Lopavent analysieren. Wir beginnen mit der Polizei.

Grundlage des SPIEGEL-Berichtes ist wie erwähnt ein Bericht der Staatsanwaltschaft Duisburg. Er trägt das Datum 17. Januar 2011 und ist den 16 Beschuldigten zu gegangen und fasst aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Ermittlungsarbeit der Polizei zusammen. Der SPIEGEL hat also -in der Kürze der Zeit kein Wunder- noch nicht die eigentlichen Ermittlungsakten  (allein 2500 Zeugenvernehmungen), sondern lediglich die als Destillat daraus von der Staatsanwaltschaft den Beschuldigten mitgeteilten strafrechtlich relevanten Aspekte ausgewertet. Ermittelt wird gegen Personen aus drei für die Loveparade verantwortlichen Institutionen:

  • Stadtverwaltung Duisburg (11 Beschuldigte)
  • Loveparade Veranstalter „Lopavent“ (4 Beschuldigte)
  • Polizei (1 Beschuldigter)

In Bezug auf die Polizei wird gegen den Einsatzleiter am Tag der Loveparade Kuno S. ermittelt. Die Vorabmeldung und auch der der Polizei gewidmete Teil berichtet über folgende Fakten:

  • ein erst spät eingeplanter Schichtwechsel gegen 15:00 Uhr
  • grössere Kommunikationsprobleme als bisher bekannt

Der SPIEGEL beginnt seinen Bericht aus der Perspektive von Polizeirat Dirk H.:

„Schnell, schnell, der Mann braucht jetzt eigentlich zwei Hundertschaften, besser drei, besser vier, er braucht sie für den Osttunnel, für den Westtunnel, für die Rampe. Aber alles, was er im Moment bekommen kann, ist diese eine.(…) Eine Hundertschaft, um die Katastrophe zu verhindern. (…)
Sie sind nicht nur zu wenige, sie müssen sich auch erst mal zurechtfinden. Denn sie stehen noch keine halbe Stunde hier, haben gerade die Vierte Hundertschaft aus Bielefeld abgelöst. Was für ein Irrsinn: ein Schichtwechsel mitten in den heißen Stunden der Love Parade. Genau davor hatte Polizeirat H. den „Vorbereitungsstab“ des Polizeipräsidiums Duisburg schon vor einem Monat gewarnt. Dass die Polizei dann nur „eingeschränkt handlungsfähig“ wäre.“

Von Anfang an werden damit zwei getrennt zu betrachtende Sachverhalte der Polizeieinsatzplanung vermischt. Es lohnt jedoch, sie getrennt zu betrachten.
Waren genug Beamte für den Eingangsbereich  eingesetzt? Insgesamt hatte man 20 Hundertschaften, je 10 pro Schicht für die Loveparede Duisburg  zusammengezogen. Davon nur eine je Schicht für den Eingangsbereich. Hatte man damit stets genügend Beamte in der Nähe, um bei einem Versagen des Lopavent – Ordnerdienstes die Eingänge zur Not kurzfristig zu sperren? Wohl kaum!

Es sieht so aus, dass es in der Polizeiplanung dafür kein Konzept gab, man also faktisch improvisieren musste. Das nicht Antreten von 40 % der Ordner, hatte niemand eingeplant, wahrscheinlich auch am Morgen niemand bemerkt. Es standen jedenfalls weder vor den Vereinzelungsanlagen noch dahinter genug Beamte bereit um kurzfristig:

  • Besucher durch eine Sperre auf der Rampe am Verlassen des Geländes zu hindern
    und gleichzeitig
  • die beiden Eingänge Ost und West komplett zu schliessen

Für das Zusammenbrechen des Ordnerdienstes hatte die Polizei keinen Plan B. Nach den Erfahrungen der Loveparade wird das hoffentlich nicht wieder vorkommen. Ob man das als Einsatzleiter der Polizei vor der Loveparade hätte ahnen können wird politisch zu diskutieren und ggf. strafrechtlich zu würdigen sein.

Gleichzeitig muss man berücksichtigen, dass gegen 15: 30 niemand die Eingänge zumachen will. Man hofft durch die nicht vorhandenen Pusher des Ordnerdienstes den Pfropf am Rampenkopf aufzulösen.

Dass gegen 15:30 ein Schichtwechsel der Polizei für den Bereich der Rampe erfolgte, ist seit langem, insbesondere durch ein Photo des Duisburger Photographen Christoph Reichwein um 15:29 bekannt. Es zeigt die abfahrende Hundertschaft aus Bielefeld. Die ablösende Hundertschaft aus Köln hat ihre Fahrzeuge kurz vorher hinter den Bauzäunen (im Bild links) abgestellt.

Der Spiegel berichtet nun, dass man bis kurz vor der Loveparade bei der Polizei davon ausgegangen sei, auf einen Schichtwechsel verzichten, vielmehr Schichten von (bis zu) 20 Stunden fahren zu können. Das sei erst nach einer Beschwerde des Personalrates am 14. Juni 2010 vom Innenministerium mit Erlass Nummer 41.2-60.11.01 „kassiert“ worden: „Höchstdienstzeit zwölf Stunden, inklusive An- und Abfahrt. Also muss ausgewechselt werden.“
Es stellt sich die Frage, ob man trotz dieser faktischen Halbierung der Einsatzkräfte mit dem ursprünglich eingeplanten Personal gearbeitet hat oder weitere Hundertschaften anforderte. Ausserdem muss man prüfen, ob die beiden 12 Stunden Schichten gut bestimmt wurden. Es scheint dass die erste Bielefelder Hundertschaft ihren Dienst viel zu früh begonnen hat, wenn sie bereits 4 Stunden nach der geplanten Öffnung des Geländes gegen 11 Uhr abgezogen wurde. Hätte man den Dienstbeginn nicht später legen und damit eine bessere Überschneidung und Übergabe der sich ablösenden Hundertschaften erreichen können?

Noch entscheidender sind jedoch zwei Aspekte, die der Spiegel erwähnt aber in seinen Vorabmeldungen nicht herausstellt:
Bereits um 14:00 ereignet sich folgendes:

Zwei Beamte, zuständig für Lautsprecherdurchsagen, melden sich bei Lopavent. Sie wollen sich an die Mikrofone setzen, für Durchsagen, falls nötig. Denn der Veranstalter hatte im Genehmigungsverfahren garantieren müssen, dass er so eine Anlage bereitstellt, eine, mit der die Polizei notfalls die Musik weg- und sich selbst einschalten könnte. Und nun erfahren die beiden Polizisten, dass sie stumm bleiben werden. Technisch nicht möglich, heißt es lapidar. (…) Mit funktionierenden Notfalldurchsagen, sagt die Staatsanwaltschaft, wäre das Gedränge, wäre die Katastrophe wahrscheinlich nicht passiert.

Wir haben hier in DocuNews ja schon früh auf die Versenkung der ELA- Anlage durch die Duisburger Bauaufsicht und Lopavent als Veranstalter aufmerksam gemacht. Dass die Polizei schon um 14 Uhr versucht, diese zu nutzen, war bisher nicht bekannt. Jedes Bundesligaspiel würde wohl erst gar nicht angepfiffen, wenn das Stadionmanagement erklären würde, die Lautsprecheranlage sei bis auf weiteres defekt. Bereits um 14:00 hätte man seitens der Polizei dringend darüber nachdenken können, die Loveparade abzubrechen. Mindestens wäre nach dieser Entdeckung und mit diesem Thema die erste Telefonkonferenz aller Beteiligten fällig gewesen. Zumal nur wenige Minuten später klar wird, dass zu wenig Ordner angetreten sind und es daher am Rampenkopf keine „Pusher“ geben wird. Der SPIEGEL schreibt:

Genauso unbegreiflich, warum um 14.03 Uhr offenbar keiner schaltet, als bei der Befehlsstelle der Vierten Hundertschaft einer der wichtigsten Funksprüche des Tages eingeht. Der Ordnerdienst, heißt es da, schaffe es nicht, am Kopf der Rampe mehr Personal heranzuziehen. „Zwei Pusher vor Ort ist zu wenig.“ „Pusher“, so heißen die privaten Ordner, die oben an der Rampe stehen sollen und nur eine Aufgabe haben, nämlich den ankommenden Massen immer wieder zu sagen: „Hier nicht stehen bleiben, bitte weitergehen.“ An dieser Kante nämlich fahren die „Floats“ vorbei, die schweren Lastwagen mit den Discjockeys, und deshalb bleiben viele Besucher hier stehen, statt weiterzugehen und die Rampe freizumachen.

Die Überwachungskameras waren die Augen der Loveparade. Die ELA-Anlage wäre der Mund der Veranstaltung gewesen, die „Pusher“ die Arme. Ohne Mund und Arme, war die Veranstaltung nicht zu steuern und war abzubrechen. Darauf hätte natürlich nicht nur die Polizei sondern Lopavent und der mit der Regie betraute „Meister für Veranstaltungstechnik“ kommen können. Diese Frage nicht einmal telefonisch zu erörtern ist unverzeilich.

Hinzu kommt, dass beim Funk- und Telefonverkehr der Polizei ab 15:00 Uhr so gut wie nichts mehr funktioniert:

„Nach Erkenntnissen der Ermittler funktionierten schon am Nachmittag viele Polizeihandys nicht, etwa um 15.30 Uhr in der Fünfzehnten Hundertschaft von Thorsten M. Es ist jene Kölner Einheit, die erst seit wenigen Minuten im Einsatz ist und die Vierte aus Bielefeld gerade abgelöst hat. Jetzt muss ihr Führer auf der Rampe wichtige Entscheidungen treffen, während seine Beamten kaum Zeit haben, sich zurechtzufinden, „vor die Lage“ zu kommen, wie es M. später bei seiner Vernehmung nennen wird. Die Beamten müssen sich in diesem Moment vorkommen, als wären sie mit dem Fallschirm in ein Kampfgebiet abgeworfen worden, mitten in die Schlacht. Ihr Funk fällt immer wieder aus, auch nach mehreren Kanalwechseln gibt es kaum Verbindung. Handys funktionieren nicht, von etwa 15.30 bis 18 Uhr, wie M. den Ermittlern schildert.“

Bleibt ein letzter Aspekt, den der SPIEGEL etwas knapp abhandelt:

„Der Lautsprecherwagen, der für die Fünfzehnte unten an der Rampe stehen soll, stand leider am Morgen kaputt in der Werkstatt, kommt jetzt nicht mehr zu ihnen durch.“

Warum dieser Wagen, weil er am Morgen in der Werkstatt steht, um 15:00 Uhr nicht mit den anderen einfahren kann, ist mir jedenfalls nicht verständlich.

Fassen wir zusammen:
ab 14:00 Uhr wusste die Polizei, dass es keine Lautsprecheransagen geben könnte und keine Pusher vorhanden waren.
Das machte zumindest eine Neuplanung der polizeilichen Strategie unverzichtbar. Bereits da war eine erste Telefonkonferenz mit den anderen Verantwortlichen überfällig. Dass man fast 90 Minuten später im Konsens mit Crowdmanager Walter ein Konzept vereinbart, dass Pusher konstitutiv voraussetzt, obwohl man weiss, es gibt keine, ist ebenfalls erklärungsbedürftig. Spätestens um 14:00 muss sich der Polizei das Planungschaos offenbart haben. Das ist gleichzeitig ein Anzeichen für die Gefährdung der Zuschauer und die Gefahrenabwehr durch die Polizei. Wie das gelingt, hätte man mit den anderen Partnern vereinbaren, zur Not aber auch durch eigenes Handeln garantieren müssen.
Unabhängig vom individueller Schuld trifft die Polizei daher ein Organisationsverschulden. Das Land sollte sich daher noch vor dem ersten Jahrestag der Loveparade Katastrophe an einem Soforthilfefonds für die Verletzten und Traumatisierten beteiligen.

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Ein Kommentar zu Polizei auf der Loveparade: ab 14:00 Uhr ging alles schief…

  1. mechthild sagt:

    Gut beschrieben, gut auch die Beurteilungen der Lage und die Fragen, die gestellt werden müssen!
    Beschreibung und Kommentar, da steigt der eher Außenstehnde besser durch als wenn nur die Fakten aufgezählt werden.
    Gruß mp

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